ICSF/Clintel-Vortrag von Lars Schernikau: Wind- und Solarenergie können Europa nicht mit Strom versorgen
Europa steht vor einer wachsenden Energieherausforderung, die sich nicht einfach durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie lösen lässt, sagte der Energieökonom Lars Schernikau in seinem jüngsten Vortrag auf der ICSF/Clintel-Konferenz. „Deutschland könnte noch vor Ende des Jahrzehnts mit gravierenden Stromengpässen konfrontiert werden.“
In seinem Vortrag im Rahmen der ICSF/Clintel-Konferenz argumentierte der Energieökonom Lars Schernikau, dass Europas Stromsystem bereits jetzt Schwierigkeiten habe, ausreichend zuverlässige Erzeugungskapazität bereitzustellen, während der Bedarf in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich deutlich steigen werde. Deutschland liefere hierfür ein besonders aufschlussreiches Beispiel: Nach Investitionen von über einer Billion Euro in die Energiewende räume das Land nun offen ein, dass es nicht über genügend zuverlässige Erzeugungskapazität verfüge.
Die vollständige Präsentation von Schernikau können Sie unten ansehen:
Schernikau begann mit einem Verweis auf eine Aussage von Bundeskanzler Merz vom Januar 2026, wonach Deutschland nicht über ausreichende Stromerzeugungskapazitäten verfüge. Laut Schernikau deuten Gespräche mit der Bundesnetzagentur darauf hin, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zusätzliche 25 bis 35 GW regelbare Kraftwerkskapazität benötigt werden könnten. Er stellte die Frage, ob Deutschland diese Kapazität innerhalb dieses Zeitraums realistischerweise aufbauen könne, und merkte an, dass der Bau des Berliner Flughafens 25 Jahre gedauert habe.
Für Schernikau liegt das Problem nicht im Widerstand gegen technologischen Fortschritt oder wirtschaftliche Entwicklung. Vielmehr benötigt eine hoch entwickelte Industriegesellschaft jederzeit zuverlässigen Strom. „Ich bin einfach davon ausgegangen, dass dazu auch buchstäblich Licht gehört“, sagte er und warnte, dass Deutschland noch vor Ende des Jahrzehnts mit ernsthaften Stromengpässen konfrontiert sein könnte.
Steigende Nachfrage in einer zunehmend elektrifizierten Wirtschaft
Schernikau argumentiert, dass die Debatte über Europas zukünftige Stromversorgung mit der Nachfrage und nicht mit den bevorzugten Technologien zur Stromerzeugung beginnen muss. Er rechnet damit, dass der Gesamtenergiebedarf in den nächsten 25 Jahren um etwa 40 % steigen wird. Gleichzeitig entstehen rasant neue Nachfragequellen, allen voran künstliche Intelligenz und die zu ihrem Betrieb benötigten Rechenzentren.
Laut den von Schernikau präsentierten Zahlen könnte der weltweite Stromverbrauch von KI-bezogenen Rechenzentren in den nächsten fünf Jahren um ein Vielfaches steigen. Er beschrieb KI als eine im Wesentlichen energieintensive Aktivität: Je mehr Rechenkapazität die Gesellschaft benötigt, desto mehr Strom wird benötigt. Dies stellt einen wichtigen Widerspruch für eine europäische Energiestrategie dar, die gleichzeitig eine rasche Elektrifizierung und eine Reduzierung der bedarfsgerechten Erzeugungskapazität anstrebt.
Schernikaus Hauptargument ist, dass Wind- und Solarenergie drei inhärente Eigenschaften aufweisen, die sie als Rückgrat eines modernen Stromsystems ungeeignet machen: relativ geringe Energiedichte, Intermittenz und kürzere Lebensdauer der Anlagen.
Das Problem der Energiedichte
Das erste Problem ist die Energiedichte. Wind und Sonnenlicht liefern Energie, die sich über große Gebiete verteilt. Um ausreichende Mengen zu sammeln, ist daher eine umfangreiche Infrastruktur erforderlich. Schernikau betonte, dass technologische Verbesserungen zwar die Effizienz von Turbinen und Solaranlagen bei der Nutzung der verfügbaren Energie steigern können, die Menge an Sonneneinstrahlung oder Windenergie an einem bestimmten Standort jedoch nicht grundlegend verändern können.
Dies, so argumentierte er, führe eher zu einer physikalischen als zu einer politischen Beschränkung. „Es steht nur eine begrenzte Menge an Energie pro Quadratmeter zur Verfügung, die von der Sonne oder vom Wind einfällt und die wir nutzen können“, erklärte er.
Die Folgen sind besonders gravierend, da der Strombedarf kontinuierlich gedeckt werden muss. Ein Stromnetz kann die jährlich durch Wind- oder Solarenergie erzeugte Strommenge nicht einfach mit dem jährlichen Bedarf vergleichen; es muss auch in der Lage sein, den Bedarf in Zeiten geringer Erzeugung erneuerbarer Energien zu decken.
Unregelmäßigkeit und der enorme Speicherbedarf
Schernikau widmete einen Großteil seines Vortrags den Folgen der intermittierenden Stromerzeugung. Solarenergie beispielsweise produziert tagsüber Strom, nachts jedoch nicht, während die Windkraftproduktion wetterabhängig schwankt. Selbst in Gebieten mit günstigen Bedingungen liegt der natürliche Kapazitätsfaktor von Solar- und Windenergie deutlich unter dem der bedarfsgerechten thermischen Stromerzeugung.
Schernikau nannte für Deutschland einen natürlichen Solarkapazitätsfaktor von rund 10 %. Das bedeutet, dass eine sehr hohe installierte Leistung erforderlich ist, um über einen längeren Zeitraum ausreichend Strom zu erzeugen. Um überschüssigen Strom aus Zeiten hoher Produktion in Zeiten geringer Produktion zu übertragen, müssen Speicherkapazitäten hinzugefügt werden.
Batterien, so argumentierte er, bergen erhebliche Verluste, während wasserstoffbasierte Speichersysteme noch größere Energieverluste mit sich bringen. Sobald die Speicheranforderungen berücksichtigt werden, steigt die benötigte Erzeugungskapazität, um die Stromversorgung während längerer Perioden geringer erneuerbarer Energieerzeugung zu gewährleisten, enorm an.
Dies ist besonders problematisch, da das Stromsystem für die ungünstigsten, nicht für die durchschnittlichen Perioden ausgelegt sein muss. Schernikau präsentierte deutsche Daten, die belegen, dass es in jedem Monat der letzten sechs Jahre Perioden von etwa zwölf Stunden gab, in denen die Wind- und Solarstromerzeugung praktisch bei null lag. Folglich bräuchte selbst ein System mit sehr hoher installierter Kapazität erneuerbarer Energien noch andere Erzeugungsformen oder sehr große Speicherkapazitäten.
Kapazität ist nicht dasselbe wie zuverlässige Stromversorgung
Diese Unterscheidung zwischen installierter und verlässlicher Kapazität war zentral für Schernikaus Argumentation. Deutschland hat mehr als 200 GW Wind- und Solarkapazität installiert, während der Spitzenstrombedarf nur bei rund 80 GW liegt. Auf den ersten Blick könnte dies darauf hindeuten, dass Deutschland über mehr als ausreichende Erzeugungskapazität verfügt.
Die installierte Kapazität entspricht jedoch nicht der Strommenge, die bei Bedarf geliefert werden kann. Schernikau argumentierte, dass die bedarfsgerechte Stromerzeugung weiterhin unerlässlich sei, da der Strombedarf jederzeit gedeckt werden müsse, auch in Zeiten geringer Wind- und Solarstromproduktion.
Er stellte Deutschland China und den USA gegenüber. China verfügt über enorme Wind- und Solarkapazitäten und unterhält zudem einen großen Pool an steuerbaren Kraftwerken. Die USA hingegen weisen eine wesentlich höhere Reservemarge und einen deutlich geringeren Anteil von Wind- und Solarenergie an ihrer gesamten Erzeugungskapazität auf. Schernikau brachte diesen Unterschied mit den Kosten des Stromsystems in Zusammenhang und argumentierte, dass der zunehmende Einsatz fluktuierender Energieerzeugung die Gesamtkosten für den Betrieb eines zuverlässigen Systems eher erhöhen als senken kann.
Warum mehr Wind- und Solarenergie die Kosten erhöhen können
Schernikaus dritter grundlegender Einwand betrifft die Ökonomie. Die Ersetzung eines konventionellen Kraftwerks durch Wind- und Solarenergie bedeutet seiner Ansicht nach nicht einfach den Austausch einer Anlage gegen eine andere, gleichwertige Anlage. Vielmehr ist ein wesentlich größeres und komplexeres System erforderlich.
In seiner Beschreibung wird ein konventionelles Kraftwerk effektiv durch Wind- und Solarenergie, Batterien, Langzeitspeicher wie Wasserstoff, Notstromaggregate und eine erweiterte Übertragungs- und Netzinfrastruktur ersetzt. Das resultierende System umfasst daher mehrere zusätzliche Ebenen, die alle finanziert und instand gehalten werden müssen.
„Zeigt mir jemanden, der mir sagen kann, dass das billiger sein wird“, forderte Schernikau sein Publikum heraus.
Er argumentierte, dass die Wirtschaftlichkeit mit zunehmendem Anteil von Wind- und Solarenergie immer ungünstiger werde. Jedes zusätzliche Gigawatt liefere in Zeiten, in denen bereits reichlich erneuerbare Energien vorhanden seien, immer weniger nutzbaren Strom, während die Reservekapazitäten weniger stark ausgelastet würden. Gleichzeitig könne der Marktwert von Strom aus erneuerbaren Energien sinken, wenn mehr identische Erzeugungskapazitäten auf den Markt kämen.
Schernikau zitierte deutsche Daten, die belegen, dass der Anteil der Windenergie am durchschnittlichen Strompreis auf rund 80 % gesunken ist, während der Anteil der Solarenergie auf rund 50 % zurückgegangen ist. Anders ausgedrückt: Der von diesen Technologien erzeugte Strom fällt zunehmend in Zeiten relativen Überflusses an und ist daher weniger wertvoll.
Die übersehenen Kosten kurzer Lebenszeiten
Als dritte physikalische Eigenschaft hob Schernikau die Lebensdauer der Infrastruktur hervor. Windkraftanlagen und Solaranlagen, so argumentierte er, haben im Allgemeinen eine deutlich kürzere Nutzungsdauer als konventionelle Kraftwerke. Während Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke potenziell mehrere Jahrzehnte betrieben werden können, müssen Wind- und Solaranlagen viel früher ersetzt werden.
Das bedeutet, dass die Infrastruktur für erneuerbare Energien im Laufe der Lebensdauer eines Stromsystems möglicherweise mehrmals neu gebaut und erneuert werden muss. Schernikau brachte dies in direkten Zusammenhang mit dem zusätzlichen Verbrauch an Rohstoffen und Energie, der für die Herstellung der Anlagen erforderlich ist.
Er hob zudem die industriellen Lieferketten hinter Solarmodulen hervor, darunter die großen Mengen an Energie und Kohlenstoff, die für die Herstellung von hochreinem Silizium benötigt werden. Seiner Ansicht nach verschleiert die bloße Bezeichnung des resultierenden Systems als „kohlenstofffrei“ den Energie- und Materialaufwand, der für dessen Herstellung erforderlich ist.
Deutschland als Warnung
Schernikau kehrte immer wieder nach Deutschland zurück, um es als Fallbeispiel heranzuziehen. Er argumentierte, dass die Energiewende des Landes die abrufbare Kapazität verringert und gleichzeitig die Abhängigkeit von Gas erhöht habe. Die Kombination aus reduzierter Kernkraft- und Kohleverstromung und der anhaltenden Abhängigkeit von fluktuierenden erneuerbaren Energien habe Deutschland zunehmend anfällig für Versorgungsengpässe und hohe Kosten gemacht.
Er verwies zudem auf deutsche Industrieunternehmen, die öffentlich Energiepreise, Energiesicherheit und ähnliche Faktoren als Gründe für Produktionskürzungen oder Produktionsverlagerungen angeführt haben. Für Schernikau ist dies ein Beleg für ein umfassenderes Risiko der Deindustrialisierung, falls Strom sowohl teuer als auch unzuverlässig wird.
Welche Strategie sollte die aktuelle ersetzen?
Trotz seiner Kritik schloss Schernikau seinen Vortrag nicht mit einem Aufruf zum Verzicht auf technologische Entwicklung. Im Gegenteil, er plädierte für eine neue Energiewende, die auf Forschung und Entwicklung basiert.
Er nannte Kernenergie, Fusion, Geothermie und potenziell noch unentdeckte neue Technologien als mögliche Bestandteile der langfristigen Zukunft. Bis dahin argumentierte er jedoch, dass Europa seine bestehenden konventionellen Kraftwerke erhalten und verbessern sollte, anstatt sie voreilig aufzugeben.
„Wir werden Kohle, Öl und Gas nicht ewig so verbrennen wie heute“, sagte Schernikau. Seiner Ansicht nach sollte das Ziel darin bestehen, sauberere, effizientere Stromerzeugungsmethoden mit höherer Energiedichte zu entwickeln.
Seine unmittelbare politische Empfehlung ist daher zweigeteilt: Erhöhung der Investitionen in Energieforschung und -entwicklung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer ausreichenden, bedarfsgerechten Erzeugungskapazität, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Er argumentierte außerdem, dass Wind- und Solarenergie mit ihren vollen Systemkosten, einschließlich Speicherung, Notstromversorgung und Netzanschlusskosten, belastet werden sollten, anstatt Subventionen zu erhalten, die diese Kosten verschleiern.
Schernikaus Kernaussage in seinem Vortrag war, dass Europa sein Energieproblem nicht allein durch die Betrachtung der jährlich erzeugten Menge an erneuerbarem Strom lösen kann. Die entscheidenden Fragen seien vielmehr, ob Strom zum benötigten Zeitpunkt verfügbar ist, wie viel Infrastruktur und Speicherkapazität erforderlich sind, um diese Verfügbarkeit zu gewährleisten, und wie hoch die Gesamtkosten des Systems letztendlich sind. Solange neue Technologien nicht in der Lage sind, reichlich und zuverlässig Energie in großem Umfang bereitzustellen, wird Europa seiner Ansicht nach weiterhin auf konventionelle und nukleare Stromerzeugung angewiesen sein, zusätzlich zu dem Beitrag, den Wind- und Solarenergie wirtschaftlich leisten können.
Traduction : Eric Vieira
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