Die Klimapolitik-Falle: Warum Scheitern so oft zu mehr vom Gleichen führt
Gruppenidentität, sozialer Status und ein von Qualifikationen dominiertes politisches Establishment führen laut Evert Doornhof von Clintel dazu, dass die Klimadebatte zunehmend immun gegen enttäuschende Ergebnisse wird. Die Folge ist eine Klimapolitik-Falle, in der Scheitern nicht zu einem Umdenken, sondern zu noch mehr Klimapolitik führt.
Die zentrale Frage: Warum führen steigende soziale, wirtschaftliche und systemische Energiekosten so selten zu einer grundlegenden Überprüfung der Klimapolitik?
Das Paradoxon der Klimapolitik
Die Energiekosten steigen, die Stromnetze sind überlastet, und neue Wohn- und Industrieprojekte warten jahrelang auf ihren Anschluss. Energieintensive Unternehmen verschieben Investitionen, verkleinern sich oder verlagern ihren Standort. Wind- und Solarenergie erfordern den Ausbau von Netzen, Speicherkapazitäten, Ausgleichskapazitäten und steuerbaren Reservekapazitäten. Gleichzeitig werden Gesellschaften dazu angehalten, Verkehr, Heizung und Industrie zu elektrifizieren, wodurch eine zuverlässige Stromversorgung noch wichtiger wird.
Man könnte erwarten, dass diese Signale eine grundlegende Überprüfung auslösen. Funktionieren die gewählten Instrumente? Stehen die Kosten im Verhältnis zum Nutzen? Gibt es zuverlässigere Alternativen? Doch in weiten Teilen der westlichen Welt ist die übliche Reaktion das Gegenteil. Netzengpässe fordern höhere Investitionen in die Netzinfrastruktur. Hohe Energiepreise werden als Grund für einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien angeführt. Enttäuschende Emissionsreduktionen verlangen nach strengeren Zielen. Widerstand in der Bevölkerung fordert eine bessere Kommunikation.
Dies führt zu einem frappierenden Paradoxon: Warum führt sichtbares politisches Versagen so oft nicht zu einer Überprüfung, sondern zu einer Fortsetzung der bisherigen Politik? Die Antwort liegt weder allein in der Klimawissenschaft noch in einer einzelnen politischen Entscheidung. Über Jahrzehnte hinweg hat sich die Klimapolitik in der Identität, dem Status, den Institutionen und den materiellen Interessen einer hochgebildeten herrschenden Klasse verankert. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkendes System, das enttäuschende Ergebnisse nur schwer als Gegenbeweise akzeptiert.
Eine widerstandsfähigere Menschheit
Um diesen Mechanismus zu verstehen, muss man mit einer Tatsache beginnen, die in der Klimakommunikation selten im Mittelpunkt steht: Die Menschheit ist gegenüber Naturkatastrophen deutlich widerstandsfähiger geworden. Our World in Data berichtet anhand der internationalen EM-DAT-Datenbank, dass die Todesraten durch Katastrophen im letzten Jahrhundert um mehr als 90 Prozent gesunken sind. Selbst die Gesamtzahl der Todesfälle ist trotz einer etwa viermal so großen Weltbevölkerung deutlich zurückgegangen.
In dem kurzen englischsprachigen Video „Es gibt keinen Klimanotstand“ präsentiert CLINTEL-Direktor Marcel Crok dieses Resilienzargument in verständlicher Form. Seine Bedeutung liegt hier nicht darin, dass ein kurzes Video jeden wissenschaftlichen Streit beilegen kann, sondern darin, dass es den vernachlässigten gemeinsamen Nenner des Klimarisikos hervorhebt: Gefahren sind zwar relevant, ihre Auswirkungen auf den Menschen hängen aber auch von Exposition, Wohlstand, Infrastruktur, Vorsorge und Anpassungsfähigkeit ab.
Dies ist kein Beweis dafür, dass die Gefahren verschwunden sind. Es ist vielmehr ein Beweis dafür, dass Wettervorhersagen, Frühwarnsysteme, stabilere Gebäude, eine produktive Landwirtschaft, Handel, Transport, öffentliche Gesundheit und koordinierte Katastrophenhilfe Leben retten. Bangladesch liefert ein eindrucksvolles Beispiel: Zyklone, die einst Hunderttausende Menschenleben forderten, verursachen heute um ein Vielfaches weniger Todesopfer, wenn Warnungen, Schutzräume und Evakuierungssysteme funktionieren.
Es gibt jedoch wichtige Einschränkungen. Historische Katastrophenaufzeichnungen sind unvollständig, insbesondere bei kleineren Ereignissen, und Todesfälle durch Hitze werden nicht einheitlich erfasst. Auch die wirtschaftlichen Verluste können erheblich sein und hängen von der zunehmenden Menge an gefährdetem Eigentum ab. All dies rechtfertigt keine Selbstzufriedenheit. Es führt vielmehr zu einer anderen Schlussfolgerung: Verwundbarkeit ist nicht statisch, und Anpassung ist von enormer Bedeutung.
Diese Erfolgsgeschichte ist politisch heikel. Wenn Wohlstand, zuverlässige Energieversorgung, Technologie und Anpassungsfähigkeit die menschliche Verwundbarkeit bereits verringern, wird es schwieriger, jede politische Entscheidung mit dem Argument des permanenten Notstands zu rechtfertigen. Im Kontext eines Notstands sind gute Nachrichten nicht bloß neutrale Informationen; sie können die Dringlichkeit, auf der das politische Programm beruht, abschwächen.
Klima als Identität und Status
Der amerikanische Soziologe Musa al-Gharbi liefert eine hilfreiche Erklärung. Er spricht von „symbolischen Kapitalisten“: hochgebildeten Fachkräften, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion und Manipulation von Wörtern, Ideen, Daten, Bildern und Symbolen verdienen. Sie sind vor allem in Universitäten, Medien, Regierung, Justiz, Beratung, Finanzen, Technologie, Kunst und im gemeinnützigen Sektor anzutreffen – also in jenen Institutionen, die gesellschaftliche Probleme benennen und bestimmen, welche Interpretationen Prestige genießen.
Al-Gharbis unbequeme These lautet, dass Intelligenz und Bildung nicht automatisch vor Stammesdenken schützen. Kognitive Raffinesse kann zwar mehr Wissen und rhetorisches Geschick vermitteln, um frühere Überzeugungen zu verteidigen. Wenn Beweise mit politischen oder moralischen Präferenzen kollidieren, sind hochbegabte Menschen möglicherweise besonders geschickt darin, Fehler in unerwünschten Daten zu finden, Ausnahmen zu erfinden und Gegenbeweise in das bestehende Weltbild zu integrieren.
Dieser Effekt verstärkt sich, wenn eine Meinung den sozialen Status widerspiegelt. In vielen Berufsgruppen signalisiert die Unterstützung ambitionierter Klimapolitik Fachkompetenz, Modernität und moralische Verantwortung. Wer die anerkannten Bedenken äußert und die anerkannten Lösungsansätze befürwortet, gilt als informiert und integer. Grundlegende Zweifel hingegen können als Ignoranz, Egoismus oder Wissenschaftsfeindlichkeit interpretiert werden.
Klimawissen fungiert daher teilweise als kulturelles Kapital. Das bedeutet nicht, dass die Sorge um den Klimawandel unaufrichtig ist oder dass jeder politische Aktivist um Status konkurriert. Es bedeutet, dass Überzeugungen zwei Funktionen gleichzeitig erfüllen können: die Welt beschreiben und den Gläubigen in einer sozialen Hierarchie verorten. Sobald eine politische Position zum Symbol der Gruppenzugehörigkeit wird, hat ein Meinungswechsel einen sozialen Preis, den Beweise allein möglicherweise nicht aufwiegen können.
Die Demokratie der Qualifikationen bestimmt die Agenda
Mark Bovens (links) und Anchrit Wille (rechts) diskutieren in einem Interview mit De Nieuwe Wereld über Diplomdemokratie.
Der psychologische Mechanismus gewinnt politische Bedeutung durch das, was die Politikwissenschaftler Mark Bovens und Anchrit Wille als „Diplomdemokratie“ bezeichnen – den Aufstieg der politischen Meritokratie. Ihre vergleichende Studie Westeuropas dokumentiert, wie Hochschulabsolventen politische Parteien, Parlamente, Regierungen, Interessenverbände, Diskussionsforen und andere Einflusskanäle dominieren, obwohl Bürger mit niedriger oder mittlerer Bildung die Mehrheit der Wählerschaft bilden.
Die Folge ist mehr als nur ein Mangel an erkennbaren Repräsentanten. Eine sozial homogene herrschende Klasse bestimmt auch, welche Risiken als dringlich gelten, welche Experten glaubwürdig sind, welche Forschung finanziert wird und welche Lösungsansätze als respektabel gelten. Ihre Mitglieder bewegen sich oft in sich überschneidenden beruflichen Netzwerken, konsumieren ähnliche Medien und teilen kosmopolitische kulturelle Präferenzen. Dies kann den Rahmen der Annahmen, die Institutionen überprüfen, einschränken, selbst wenn alle Beteiligten intelligent sind und in gutem Glauben handeln.
Klimapolitik passt besonders gut zu den Prioritäten grüner, progressiver und berufsständischer Politik in Europa und Nordamerika, doch der politische Konsens reicht über einzelne Parteien hinaus. Mitte-Links, Zentristen und Teile der Mitte-Rechts haben alle dazu beigetragen, Klimaziele in Gesetzgebung, Verordnungen, Finanzpolitik, öffentlicher Verwaltung und supranationalen Institutionen zu verankern. Wahlen mögen Regierungen verändern, doch Ministerien, Regulierungsbehörden, Beratungsgremien, Universitäten, NGOs und Klimafinanzierungsnetzwerke behalten im Wesentlichen denselben politischen Rahmen bei.
Diejenigen, die die Kosten am unmittelbarsten tragen, haben oft weniger Einfluss auf politische Entscheidungen. Für einen politischen Entscheidungsträger mag eine höhere Energierechnung eine Verteilungswirkung sein, die durch einen Rabatt abgemildert werden kann. Für einen Haushalt mit niedrigem Einkommen oder einen energieintensiven Hersteller kann dieselbe Erhöhung existenzbedrohend sein. Der moralische Gewinn ambitionierter politischer Maßnahmen kommt tendenziell der Klasse zugute, die sie entwirft und befürwortet; die materielle Last verteilt sich jedoch viel breiter.
Wie sich eine Erzählung selbst schützt
Ein dominantes politisches Narrativ überlebt nicht nur, weil viele Menschen es aufrichtig glauben. Es entwickelt auch Filter, die widersprüchliche Informationen ausblenden. Der erste Filter ist die Selektion. Eine Überschwemmung, eine Hitzewelle oder ein Waldbrand werden schnell als Warnung vor dem Klimawandel interpretiert. Sinkende Katastrophensterblichkeit, die Rolle der Exposition bei steigenden Verlusten oder erfolgreiche Anpassungsmaßnahmen finden weniger Beachtung. Die eine Art von Information passt sofort in das vorherrschende Narrativ; die andere bedarf der Erklärung und schwächt die Dringlichkeit ab.
Der zweite Filter ist die mentale Etikettierung. Begriffe wie „Klimaleugner“, „Desinformation“ oder „Sprachrohr der fossilen Brennstoffindustrie“ sind an sich keine Argumente. Sie grenzen den Sprecher aus der moralischen und intellektuellen Gemeinschaft aus. Sobald sich das Etikett festgesetzt hat, fühlen sich die Zuhörer berechtigt, die Behauptung zu ignorieren, ohne sie genauer anzuschauen.
Als Nächstes kommt die Schuld durch Assoziation. Ein Journalist, Wissenschaftler oder Politiker, der einen stigmatisierten Kritiker ernst nimmt, kann ebenfalls Reputationsschäden erleiden. Das fördert die Selbstzensur. Redakteure lehnen Einladungen ab, Forscher vermeiden Zitate, und Organisationen distanzieren sich vorsorglich. Eine zentrale Koordination ist nicht erforderlich; die Beteiligten sind sich der beruflichen und sozialen Risiken bewusst.
Ein viertes Mittel ist das Dossier: eine Liste alter Äußerungen, strittiger Verbindungen, Andeutungen auf Finanzierung und früherer Anschuldigungen. Kein einzelner Punkt muss ausschlaggebend sein. Die Länge der Liste erweckt den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Die Debatte verlagert sich von der Qualität eines Arguments hin zum Charakter, dem Netzwerk oder den mutmaßlichen Motiven der Person, die es vorbringt.
Clintel stößt direkt auf diesen Mechanismus. Die Organisation wird immer wieder mit der fossilen Brennstoffindustrie in Verbindung gebracht, oft durch die frühe Karriere des Mitbegründers Guus Berkhout bei Shell und seine spätere geophysikalische Forschung in einem Industriekonsortium. Diese Fakten gehören zwar in eine Biografie, aber sie entscheiden nicht darüber, ob eine bestimmte Analyse korrekt ist, wie die Organisation aktuell finanziert wird oder ob die Behauptungen der Weltklimaerklärung einer kritischen Prüfung standhalten.
Professor Guus Berkhout, Mitbegründer von Clintel.
Berkhouts englischsprachiger Wikipedia-Eintrag liefert ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie Auswahl und Betonung einen Interpretationsrahmen prägen können. Im ersten Satz wird er als Ingenieur der Öl- und Gasindustrie vorgestellt, bevor seine Professur für Geophysik erwähnt wird. Ein separater Abschnitt über Clintel rückt dann eine Anti-Netto-Null-Kampagne, angebliche Verbindungen zur Industrie, „Desinformation“ und stark negative Faktenchecks in den Vordergrund. Seine Mitgliedschaft in der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften und seine Ernennung zum Offizier des Ordens von Oranien-Nassau werden erst später erwähnt. Die einzelnen Fakten und Kritikpunkte mögen relevant sein, doch ihre Reihenfolge und die gewählte Wortwahl legen fest, wie die Leser Berkhout und Clintel zu beurteilen haben, noch bevor sie ein einziges substanzielles Argument geprüft haben. Assoziation wird so zum Ersatz für Auseinandersetzung.
Letztlich verstärken sich Institutionen gegenseitig in einem geschlossenen Kreislauf. Regierungen legen Klimaziele fest; Behörden finanzieren Forschungsprojekte, die sich an diesen Zielen orientieren; Beratungsgremien bewerten die Umsetzung; Medien präsentieren die Ergebnisse als wissenschaftlichen oder Expertenkonsens; und Regierungen berufen sich im Gegenzug auf wissenschaftliche Erkenntnisse und öffentliche Legitimität. Jede Institution kann glaubhaft behaupten, ihre Aufgabe ordnungsgemäß zu erfüllen, während das System als Ganzes kaum Raum lässt, das ursprüngliche Ziel oder den eingeschlagenen Weg infrage zu stellen.
Warum jedes Scheitern mehr Politik nach sich zieht
Ein überzeugender Vorschlag muss prinzipiell der Realität gegenüber angreifbar sein. In der Klimapolitik lässt sich jedoch nahezu jedes negative Ergebnis so erklären, dass das zugrundeliegende System erhalten bleibt.
Die hohen Energiepreise sind nicht auf die Kosten und die Komplexität der Energiewende zurückzuführen, sondern auf die verbleibende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Netzengpässe zeigen nicht, dass die wetterabhängige Stromerzeugung schlecht auf Nachfrage und Infrastruktur abgestimmt ist; sie beweisen vielmehr, dass zu wenig in die Netze investiert wurde. Der industrielle Niedergang wird als Beleg dafür gewertet, dass etablierte Unternehmen die Modernisierung versäumt haben. Die Schwankungen werden letztendlich durch Batterien, Wasserstoff, Verbindungsleitungen, Lastmanagement oder Technologien, die noch auf ihre Skalierung warten, behoben werden. Der Widerstand in der Bevölkerung beruht auf Fehlinformationen oder unzureichenden Erklärungen.
Auf diese Weise wird jeder Rückschlag zum Argument für eine Beschleunigung. Politik kann nicht so leicht scheitern, da Scheitern als Mangel an Politik definiert wird. So wird ein Programm funktional resistent gegen Falsifizierung.
Die Kosten sind nicht länger abstrakt. Die Europäische Kommission schätzte 2025, dass die Stromnetze der EU bis 2040 rund 730 Milliarden Euro für den Ausbau der Verteilung und 477 Milliarden Euro für den Ausbau der Übertragung benötigen würden. Die Internationale Energieagentur (IEA) erklärte 2026, dass die jährlichen globalen Netzinvestitionen bis 2030 um etwa 50 Prozent von rund 400 Milliarden US-Dollar steigen müssten, während gleichzeitig mehr als 2.500 Gigawatt an Projekten für erneuerbare Energien, Speicher und Großlastkraftwerke auf ihre Umsetzung warteten. Diese Zahlen beweisen nicht, dass Netzinvestitionen unnötig sind; moderne Volkswirtschaften benötigen eindeutig leistungsfähige Stromnetze. Sie zeigen aber, warum Systemvergleiche – Erzeugung, Reservekapazität, Speicherung, Übertragung, Verteilung, Lastabwurf und Finanzierung – unerlässlich sind, bevor eine Technologie als kostengünstig bezeichnet wird.
Auch institutionelle Interessen spielen eine Rolle. Eine umfassende Transformationsökonomie schließt heute Energieversorger, Netzbetreiber, Beratungsunternehmen, NGOs, Fördermittelberater, Universitäten, Ministerien, ESG-Experten, Banken und multinationale Fonds ein. Budgets, Karrieren und Reputationen sind an die Fortführung der Agenda geknüpft. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass man in böser Absicht handelt. Aufrichtige Überzeugung und institutionelles Eigeninteresse verstärken sich oft gegenseitig stärker, als es jedes für sich allein könnte.
Die politischen Kosten einer Rückkehr steigen ebenfalls. Nach Jahren verbindlicher Zielvorgaben, enormer Ausgaben und moralischer Verurteilung von Kritikern wird das Eingeständnis eines Fehltritts immer schmerzhafter. Verantwortliche müssten zugeben, dass Warnungen vor Kosten, Flächennutzung, Wettbewerbsfähigkeit der Industrie oder Zuverlässigkeit zu leichtfertig abgetan wurden. Technische Flicklösungen, neue Subventionen und verschobene Fristen erscheinen daher attraktiver als eine grundlegende Überprüfung.
Die gefährliche Umkehrung
Hier liegt der größte Widerspruch. Die geringere Anfälligkeit für Extremwetterereignisse wurde größtenteils durch Wohlstand, Infrastruktur, Technologie und reichlich vorhandene Energie erreicht. Heizung und Klimaanlage schützen die Menschen vor Kälte und Hitze. Moderne Landwirtschaft, Wassermanagement und Transportwesen mindern die Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen. Wohlhabendere Gesellschaften können stabilere Häuser bauen, Küstenschutzanlagen instand halten, Schäden versichern und Menschen rechtzeitig evakuieren.
Wenn Klimapolitik Energie verteuert oder unzuverlässiger macht, die Industrie schwächt und das Wirtschaftswachstum bremst, kann sie genau jene Fähigkeiten untergraben, mit denen sich Menschen vor Klimarisiken schützen. Eine Politik, die die Gesellschaft sicherer machen soll, kann die Anpassungsfähigkeit verringern – insbesondere bei ärmeren Haushalten und Ländern, die noch keinen flächendeckenden Zugang zu verlässlicher Energie haben.
Dies ist kein Plädoyer für Untätigkeit und leugnet auch nicht den Einfluss von Treibhausgasen auf das Klima. Es plädiert vielmehr für eine Neuausrichtung der Prioritäten. Eine vernünftige Klima- und Energiepolitik sollte das menschliche Wohlergehen in den Mittelpunkt stellen: Bezahlbarkeit, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Resilienz. Sie sollte in Anpassungsmaßnahmen investieren, wo Risiken konkret sind, Kernenergie im Wettbewerb gleichberechtigt fördern und Wind-, Solar-, Speicher-, Wasserkraft- und fossile Brennstoffe sowie neue Technologien nach ihrem Beitrag zum gesamten Energiesystem bewerten, anstatt nach einem einzigen theoretischen CO₂-Wert.
Dem Klimapolitik-Fall entkommen
Das Fortbestehen der Klimapolitik erfordert keine zentrale Verschwörung. Sie lässt sich als ein sich entwickelndes System verstehen, in dem moralische Überzeugungen, Gruppenidentität, Statusanreize, Karrierestrukturen, finanzielle Interessen und institutionelle Selbstbestätigung alle in dieselbe Richtung weisen. Intelligente und wohlmeinende Menschen können so ein Programm aufrechterhalten, dessen Ergebnisse zunehmend schwerer mit seinen Versprechen vereinbar sind.
Der Ausweg beginnt nicht mit noch besserer Kommunikation von oben. Er beginnt mit intellektueller Bescheidenheit und echtem Pluralismus. Lassen wir konkurrierende wissenschaftliche Interpretationen und Energieszenarien öffentlich aufeinandertreffen. Veröffentlichen Sie die gesamten Systemkosten, den Nutzen, die Abwägungen und die Unsicherheiten des Systems. Geben Sie praktischem Wissen und den Interessen der Bürgerinnen und Bürger ohne Hochschulabschluss echtes Gewicht. Beurteilen Sie Kritiker anhand ihrer Beweise und Argumente, nicht anhand von Etiketten und Assoziationen. Am wichtigsten ist es, im Voraus festzulegen, welche Ergebnisse eine Überarbeitung oder Aufgabe einer Politik erforderlich machen würden.
Energiepolitik sollte wieder, als Sicherstellung eines Grundbedürfnisses betrachtet werden. Dies erfordert eine Berücksichtigung der gesamten Wertschöpfungskette – von der Gewinnung und Erzeugung über Umwandlung, Übertragung, Speicherung und Reserve bis hin zur Endnutzung. „Erneuerbar“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit nachhaltig; Wasserstoff ist ein Energieträger, keine primäre Energiequelle; und installierte Kapazität ist nicht gleichbedeutend mit verlässlicher Leistung. Nur eine vollständige Kosten-Nutzen-Analyse zeigt, welche Kombinationen eine zuverlässige und bezahlbare Stromversorgung in großem Umfang ermöglichen können.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich die politischen Entscheidungsträger ausreichend für den Klimaschutz interessieren. Sie ist vielmehr, ob sie bereit sind, ihre Politik an der Realität ausrichten zu lassen. Solange schlechte Nachrichten weitere Eingriffe rechtfertigen, gute Nachrichten ignoriert und durch politische Maßnahmen verursachte Probleme als Beweis für unzureichende Ambitionen gewertet werden, bleibt die Klimafalle geschlossen.
Eine vernünftige Energiepolitik erfordert nicht weniger Wissenschaft, sondern Wissenschaft, die abweichende Meinungen zulässt; nicht weniger Verantwortung, sondern die Verantwortung für jede Konsequenz der Politik. Überprüfung muss wieder als Zeichen von Reife in der Regierung verstanden werden, nicht als moralischer Verrat. Nur dann kann die Klimadebatte dorthin zurückkehren, wo sie hingehört: zu einem offenen Vergleich von Risiken, Kosten, Nutzen und Alternativen.
Übersetzung: Eric Vieira
Quellen und weiterführende Literatur
Musa al-Gharbi, Smart People Are Especially Prone to Tribalism, Dogmatism and Virtue Signaling
Rob Henderson, Do the Most Educated People Look Down on Everyone Else?
Mark Bovens and Anchrit Wille, Diploma Democracy: The Rise of Political Meritocracy
Hannah Ritchie, Pablo Rosado and Max Roser, Natural Disasters
Marcel Crok, There is no climate emergency (video)
European Commission, EU guidance on ensuring electricity grids are fit for the future
International Energy Agency, Electricity 2026: Grids
Clintel, World Climate Declaration
Wikipedia, Guus Berkhout
Evert Doornhof
Evert Doornhof war lange in der Finanzwelt in kaufmännischen und Managementpositionen tätig. Nach der COVID-Pandemie schlug er einen anderen Weg ein, als er miterlebte, wie schnell persönliche Freiheiten eingeschränkt werden können. Er engagiert sich nun dafür, Krisen aufzudecken, die inszeniert oder übertrieben erscheinen. Unter anderem ist er bei der Clintel Foundation aktiv, wo er die Social-Media-Kanäle betreut und mehrere Artikel verfasst hat.
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