Wenn Netto-Null scheitert, beginnt ein Krieg: Europas Abstieg

Wenn Netto-Null scheitert, beginnt ein Krieg: Europas Abstieg

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Wenn alles andere scheitert, einen Krieg beginnen. Die Rhetorik eines unmittelbar bevorstehenden Krieges mit Russland ist zum bestimmenden Thema des europäischen öffentlichen Lebens geworden und hat die Sprache des Klimanotstands verdrängt, sagt Tilak Doshi.

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AI-generated illustration accompanying Tilak Doshi’s commentary on Europe, Net Zero and the growing rhetoric of war with Russia.

Bild erstellt mit KI

Tilak Doshi
Datum: 3. Oktober 2026

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Im September letzten Jahres sagten Bilder vom Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Tianjin – Wladimir Putin, Xi Jinping und Narendra Modi lächelnd, Arm in Arm – Brüssel und London mehr als jede Erklärung darüber, wohin zwei Jahrzehnte energiepolitischer Selbstzerstörung geführt hatten. Am Rande des Gipfels unterzeichneten Gazprom und CNPC ein „Memorandum“ zur Pipeline „Power of Siberia 2“ durch die Mongolei. Dies war ein politisches Signal, kein bepreister Gasliefervertrag. Ich hatte damals in meinem Buch „Wie der Westen sich in der Energiegeopolitik selbst, ausgetrickst hat“ dargelegt, wie die Fixierung auf Netto-Null Moskau und Peking ein strategisches Geschenk gemacht und Deutschland, einst Europas industrielle Großmacht, am Boden zerstört hatte.

Ein Jahr später hat sich die Diagnose nicht geändert. Geändert hat sich jedoch das Rezept. Nachdem die regierenden liberal-linken Eliten der EU und Großbritanniens – stagnierend, unpopulär und angesichts des Wahlerfolgs der AfD in Deutschland und Marine Le Pens Rassemblement National in Frankreich – ihre eigenen Volkswirtschaften durch die Illusion der Dekarbonisierung ruiniert haben, greifen sie nun zu einem altbewährten Mittel gegen innenpolitisches Versagen: Warnungen vor der Gefahr eines Krieges.

Die Folgen der Selbstsabotage

Ich habe bereits ausführlich über die Irrationalität der Energiepolitik der EU und Großbritanniens geschrieben (unter anderem hier und hier). Amerika verfolgte während der zweiten Amtszeit von Präsident Trump einen radikal anderen Kurs. Die Nationale Sicherheitsstrategie Washingtons vom November 2025 gab offen die Illusion auf, Europa sei weiterhin ein ernstzunehmender Partner. Sie beschrieb einen Kontinent, der sein klassisch-liberales Erbe – Meinungsfreiheit, offene Debatten, demokratische Rechenschaftspflicht – gegen die utopische Trias von Klimaneutralität, Masseneinwanderung (vorwiegend junger, unqualifizierter Männer aus dem Nahen Osten, Nordafrika sowie West- und Südasien) und einem stetig wachsenden, wirtschaftshemmenden Regulierungsstaat eingetauscht hat.

Laut Mario Draghis Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU ist deren reale Wirtschaftsleistung (gemessen zu Preisen von 2015) von etwas mehr als 15 % unter der, der USA im Jahr 2002 auf 30 % im Jahr 2023 gesunken. Zu Marktwechselkursen fiel der Anteil der EU am weltweiten BIP von rund 29 % im Jahr 1980 auf etwa 17 % im Jahr 2024. Chinas Anteil stieg im gleichen Zeitraum rasant an, während die USA ihre führende Position behaupteten.

Chemie- und Industrieunternehmen haben mit ihrem Kapital abgestimmt: So schloss beispielsweise BASF in Ludwigshafen ihre Ammoniak- und Düngemittelanlagen und verlagerte die Produktion in die USA und nach Asien. Dies spiegelt die industrielle Logik wider, die sich aus den durch politische Maßnahmen in die Höhe getriebenen Energiekosten ergibt. Schwerindustrielle und energieintensive Branchen, von der Automobilindustrie über die Stahlindustrie bis hin zu Ölraffinerien, sind dorthin abgewandert, wo Energie billig und reichlich vorhanden ist – in die USA und vor allem nach China, der mit Abstand dominierenden Industriemacht der Welt. Die USA unter Präsident Trump fördern zunehmend die Rückverlagerung von Industriekapazitäten. Um dieser Rückverlagerung neuen Schwung zu verleihen, haben die USA das Pariser Abkommen aufgekündigt und sind im Januar dieses Jahres formell aus dem IPCC und dem UNFCCC sowie aus Dutzenden anderer multilateraler Organisationen ausgetreten, die als den amerikanischen Interessen zuwiderlaufend eingestuft wurden.

Nichts davon hätte passieren müssen. Europa verfügte über beeindruckende Ressourcen – qualifizierte Arbeitskräfte, starke Kapitalmärkte, eine gebildete Bevölkerung und ein robustes Wirtschaftswachstum, das sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erhob. Es konnte und konnte durchaus mit den Vereinigten Staaten und China konkurrieren. Was fehlte, war der politische Wille, sich einer grünen Industriepolitik zu widersetzen, die von Aktivisten und Bürokraten statt von Ingenieuren und Ökonomen entworfen worden war.

In Großbritannien hat diese Politik einen Namen und ein Gesicht: den ehemaligen Energieminister (und jetzigen Außenminister) Ed Miliband, dessen mangelndes Wirtschafts- und Energiewissen vielfach kritisiert wurde. Das Ergebnis, wie die stillgelegten Ammoniakanlagen in Ludwigshafen belegen, ist nicht der von den Architekten des Europäischen Green Deals versprochene kohlenstoffarme Wohlstand, sondern ein schleichender, freiwilliger Verlust von Produktionskapazitäten. Diese sind in Länder abgewandert, die nicht durch CO₂-Bepreisung, Vorgaben für erneuerbare Energien und den regulatorischen Dschungel der EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung belastet sind.

Vom Klimaalarmismus zum Kriegsfieber

Der Klimakonsens, der zwei Jahrzehnte lang die europäische Energiepolitik prägte, zerbricht an seinen eigenen Widersprüchen. Die Unterstützung der USA für die globalistische grüne Agenda ist verschwunden, die alarmistischen Szenario-Modelle des IPCC wurden zurückgezogen, und ESG-Finanzierungen sind auf dem Rückzug. Die politischen Eliten der EU und Großbritanniens, die ihre Legitimität auf dem alarmistischen Klimakonsens aufgebaut haben, brauchen eine neue Bedrohung, die sie mobilisiert. Die Rhetorik eines drohenden Krieges mit Russland, die vor 18 Monaten kaum hörbar war, dominiert nun das öffentliche Leben in Europa und verdrängt die Sprache des Klimanotstands, die bis vor Kurzem eine ähnliche einigende und mobilisierende Funktion erfüllte.

Das Muster dürfte Studenten der politischen Geschichte vertraut sein: Eine herrschende Klasse, die nicht in der Lage oder nicht willens ist, eine Politik rückgängig zu machen, die die eigene Bevölkerung sichtbar verarmt hat, sucht nach einer äußeren Bedrohung, die groß genug ist, um ein innenpolitisches Versagen in den Hintergrund treten zu lassen. Ungewöhnlich an der aktuellen europäischen Episode sind die Geschwindigkeit des Wandels und die Transparenz der Motive. Mal ist Kohlendioxid der Feind, mal Wladimir Putin. Die rhetorische Maschinerie – moralische Dringlichkeit, die Forderung nach öffentlichen Opfern, die Verächtlichmachung Andersdenkender – bedarf kaum einer Neuverpackung.

Einen Feind erschaffen

Der EU-Fahrplan zur Verteidigungsbereitschaft 2030 prognostiziert einen hochintensiven Krieg als nahe Wahrscheinlichkeit. Er legt das Jahr 2030 als Stichtag fest, bis zu dem Europa in der Lage sein muss, russische Aggressionen abzuschrecken. Solche militärischen Planungsfristen dienen Regierungen dazu, ihre Bürger zur Kriegsvorbereitung zu bewegen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte, Russland könne bis 2030 „bereit“ sein, militärische Gewalt anzuwenden. Obwohl er darauf beharrt, dass sich Präsident Putin in einer schwierigen Lage befinde und den Krieg in der Ukraine nicht gewinne, drängt er die NATO-Mitglieder gleichzeitig zu erhöhter Bereitschaft gegen einen russischen Angriff. Diese Charakterisierung Russlands als schwache und gleichzeitig gefährliche Bedrohung ist eine merkwürdige Mischung aus Zuversicht und Besorgnis, die nur als politisches Schauspiel Sinn ergibt.

Der britische Verteidigungsminister Wes Streeting riet den Haushalten, Bargeld, Wasserflaschen und Konserven zu Hause zu halten. Er warnte, dass das Land einem „größeren Kriegsrisiko“ mit Russland ausgesetzt sei als je zuvor in seinem Leben. Polens Außenminister Radosław Sikorski erklärte gegenüber Reportern, er halte Reis, eine Handpumpe und selbstgemachte Konserven für den Fall eines russischen Angriffs bereit. Die Bundeswehr hat Szenarien durchgespielt, in denen täglich bis zu 1.000 verwundete Soldaten von einer NATO-Russland-Front eintreffen würden. Sie nimmt einen unterirdischen Sanitätsbunker aus der Zeit des Kalten Krieges in Ulm wieder in Betrieb. Der Landedelmann Jacob Rees-Mogg aus Somerset informierte seine Zuschauer darüber, dass das Land in den nächsten Jahren möglicherweise in einen Krieg geraten könnte und dass Menschen sterben müssten, um es zu retten, wie in den Weltkriegen.

Wenig überraschend stieß diese Aufforderung der britischen Regierung, die Söhne anderer Länder in einen fremden Krieg zu schicken, auf Abscheu. Noch bemerkenswerter war der Fernsehauftritt des ehemaligen Labour-Beraters Paul Richards, in dem er vorschlug, Großbritannien müsse „ein paar Leute einsperren“, nämlich „prorussische Stimmen“, die die Bedrohung nicht für real hielten. Dies ist nicht die Sprache der Abschreckung, sondern der präventiven Mobilisierung der öffentlichen Meinung, eine Generalprobe für die Zensur im Kriegsfall, noch bevor der erste Schuss auf NATO-Boden gefallen ist.

Sergej Lawrows Antwort vor der UN-Generalversammlung im vergangenen Monat war unmissverständlich. Russlands Aufrufe zur Ruhe, so erklärte er Reportern in New York, würden mit einer europäischen Aufrüstung beantwortet, die Gefahr laufe, sich selbst zu erfüllen – Investitionen in die Waffenproduktion, die früher oder später einen Atomkrieg riskieren. Er wies Spekulationen über einen geplanten russischen Angriff auf Europa als Unsinn zurück und stellte die naheliegende Frage, die westliche Kommentatoren geflissentlich vermeiden: Warum sollte Russland, eine „Rohstoff-Supermacht mit umfassendem Angebot“, die sich über elf Zeitzonen erstreckt, nach Territorium in einem kulturell erschöpften, wirtschaftlich stagnierenden und rohstoffarmen Westeuropa streben?

Das Wahrheitsministerium kommt nach Großbritannien und Brüssel

Die Kriegsrhetorik ging, wie zu erwarten, mit einer parallelen Verschärfung der zulässigen Grenzen der Debatte einher. Premierminister Andy Burnham nutzte seine Rede vor der UN-Generalversammlung im September, um ein neues „Nationales Zentrum für Informationsverteidigung“ anzukündigen. Er wird diese halbstaatliche Einrichtung damit beauftragen, „feindselige Informationsangriffe“ aufzudecken und zu unterbinden. Dabei soll sie mit Geheimdiensten und Social-Media-Plattformen zusammenarbeiten, um gegen „verzerrte und unwahre Darstellungen Großbritanniens“ vorzugehen.

Brüssel treibt unterdessen ein EU-weites System zur digitalen Altersverifizierung und Identitätsverwaltung voran, das – ungeachtet seines erklärten Zwecks – die Infrastruktur schafft, durch die der Online-Zugang von der Offenlegung der Identität abhängig gemacht wird. Dieser schleichende Autoritarismus hat, welch bittere Ironie, dazu geführt, dass die EU und Großbritannien in ihrer institutionellen Struktur, ideologischen Starrheit und dem Mangel an Schutz der Meinungsfreiheit zunehmend der späten Sowjetunion ähneln. Der britische „Überwachungsapparat des Wahrheitsministeriums“ – bestehend aus Regierung, Polizei und Medien – spiegelt eine Regierung wider, die besessen davon ist, fremdenfeindliche Stimmungen in den sozialen Medien zu unterdrücken.

Nichts davon ist Zufall. Vizepräsident JD Vance erklärte in seiner viel beachteten Rede vor den versammelten Würdenträgern der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr, die größte Bedrohung für Europa gehe weder von Russland noch von China aus, sondern vom Rückzug der europäischen Eliten von ihren liberalen Grundwerten. Dazu gehören die Unterdrückung abweichender Meinungen und die Einschränkung von Äußerungen, die der offiziellen Linie nicht dienlich sind, sowie die Einwanderung großer Mengen junger Männer aus dem Nahen Osten, Afrika und West- und Südasien – ohne Zustimmung der Bevölkerung –, die die Bevölkerung der betroffenen Länder zunehmend verdrängen. Präsident Trump argumentiert ähnlich: Die beiden selbstzerstörerischsten Strategien des EU- und britischen Establishments seien der fanatische Einsatz für grüne Energie und die Migration ohne Grenzen. Er will all das nicht für ein Amerika, das auf christlichen Werten, der Bill of Rights und dem Verfassungsverständnis der Aufklärung gründet.

Wessen Krieg genau?

Die letzte Ironie muss deutlich ausgesprochen werden. Der neu entfachte Eifer des europäischen Establishments, Russland zu konfrontieren, wurde konsequent eingesetzt, um jeden diplomatischen Ausweg zu vereiteln. Als ukrainische und russische Unterhändler im Frühjahr 2022 in Istanbul die Grundzüge eines Rahmenabkommens erzielten, erinnert sich der ukrainische Chefunterhändler David Arakhamia an Boris Johnsons unangekündigten Besuch in Kiew wenige Tage später als an den Moment, in dem London Kiew riet, „Nichts unterschreiben … einfach kämpfen“. Johnson bestreitet natürlich, entscheidenden Druck ausgeübt zu haben, doch der zeitliche Ablauf ist unstrittig. Ebenso unstrittig ist die Tatsache, dass die Ukraine, die vermeintliche Frontdemokratie, in deren Namen der Westen einen Krieg mit einer Atommacht in Kauf nehmen soll, seit 2019 keine nationalen Wahlen mehr abgehalten hat. Ein Regime, das 2014 durch einen von den USA angeführten Putsch an die Macht kam und eine gewählte Regierung stürzte, soll nun als Rechtfertigung westlicher Demokratieprinzipien dienen. Der Ruf der Ukraine, für ihre endemische Korruption bekannt zu sein, prägte unabhängige Rankings schon Jahre vor dem Krieg. Westliche Kommentatoren werten jede Erwähnung dieses Fakts als Kreml-Sympathie. Die moralische Instrumentalisierung der Debatte hat totalitäre Züge angenommen, und der Vorwurf, ein „Putin-Handlanger“ zu sein, ist zum klassischen Gegenargument gegen jegliche Kritik an der NATO-geführten Expansion seit 1991 geworden, die die Ukraine geradewegs in die Katastrophe geführt habe.

Eine alte Geschichte, neu erzählt

Wie man so schön sagt: Wenn alles andere scheitert, einen Krieg beginnen. Man kommt kaum umhin, zu dem Schluss zu gelangen, dass diese alte und zynische politische Logik – ein bekanntes Beispiel für das Versagen der herrschenden Klasse in der Geschichte – genau das ist, was wir derzeit in Westeuropa und Großbritannien beobachten. Die politischen Eliten der Region haben zwei Jahrzehnte lang selbstverschuldete Energiearmut, Deindustrialisierung und demografische Umwälzungen verantwortet. Nun sehen sie sich Wählern gegenüber, die zunehmend populistischen Parteien den Vorzug geben, die eine Kurskorrektur versprechen. Das herrschende Establishment, das seine Legitimität auf Klimaneutralität und offene Grenzen aufgebaut hat, musste feststellen, dass ein ausländischer Feind, ob real oder erfunden, ein zuverlässigerer Weg zum Machterhalt ist als eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Leistungsbilanz.

Wladimir Putins Russland bietet ein ungewöhnlich bequemes Ziel: fern genug, um es gefahrlos zu fürchten, schwach genug (laut Herrn Rutte selbst), um es gefahrlos provozieren zu können, und nützlich genug, um als organisierende Bedrohung die Einschränkungen der Meinungsfreiheit und des Widerspruchs zu rechtfertigen, die ein diskreditiertes Establishment jetzt für nötig hält. Europäer wie Briten täten gut daran, sich zu fragen, bevor diese Logik ihren Lauf nimmt: Wer genau zum Sterben aufgefordert wird und in wessen Interesse?

Übersetzung: Eric Vieira

Dieser Artikel wurde von Tilak Doshis Substack übernommen und erschien erstmals am 1. Oktober 2026 auf RealClearEnergy.

Dr Tilak K. Doshi

Dr. Tilak K. Doshi ist Energieredakteur des Daily Sceptic. Er ist Wirtschaftswissenschaftler, Mitglied der CO2 Coalition und ehemaliger Autor für Forbes. Folgen Sie ihm auf Substack und X.

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By |2026-10-02T23:50:47-07:002 October 2026|Climate Change|0 Comments

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