Roger Pielke Jr.: Wie RCP8.5 zum klimapolitischen Albtraum wurde
In seinem zweiten Vortrag für Clintel am 11. Oktober erklärte Roger Pielke Jr., wie ein extremes Emissionsszenario, das ursprünglich zur Erkundung einer möglichen Zukunft entwickelt wurde, zu einer der dominanten Annahmen in der Klimaforschung und -politik wurde.
Der Klima- und Politikforscher Roger Pielke argumentiert, dass das extreme Klimaszenario RCP8.5 (das nun endgültig offiziell verworfen wurde) nicht einfach nur von einigen Forschern falsch verstanden wurde: Institutionelle Entscheidungen trugen dazu bei, einen unplausiblen Weg in eine faktische Basislinie für die Bewertung von Klimarisiken, wirtschaftlichen Schäden und den Folgen der globalen Erwärmung zu verwandeln.
Die vollständige Präsentation können Sie unten ansehen:
Die Folgen der Dominanz des RCP8.5-Szenarios waren weitreichend. Studien, die auf dem RCP8.5-Szenario basierten, beeinflussten Regierungsanalysen, die Medienberichterstattung und politische Debatten und erweckten oft den Eindruck, die Welt steuere auf die extremsten Szenarien zu. Pielke argumentierte, die Geschichte des RCP8.5 sei eine Warnung davor, was geschieht, wenn die Unterscheidung zwischen einem hypothetischen Szenario und einer glaubwürdigen Prognose verloren geht.
Vom nützlichen Werkzeug zur irreführenden Grundlage
Pielke unterschied zunächst zwischen Szenarien, die Möglichkeiten ausloten, und solchen, die plausible Zukunftsszenarien darstellen sollen. Szenarien können Forschern helfen, zu untersuchen, was unter verschiedenen Annahmen geschehen könnte. Ihr Nutzen hängt jedoch von ihrer Interpretation und Anwendung ab. Ein Extremszenario kann wertvoll sein, um ein Klimamodell zu testen oder einen Worst-Case zu untersuchen, ohne jedoch eine realistische Erwartungshaltung hinsichtlich der tatsächlichen globalen Entwicklung zu erfüllen.
Der frühere Sonderbericht zu Emissionsszenarien aus dem Jahr 2000 folgte diesem Prinzip. Er präsentierte 42 Szenarien, ohne eines davon als Referenzfall oder Basisszenario festzulegen. Wie Pielke erklärte, sollten sie verschiedene mögliche Entwicklungen in Abhängigkeit von den Entscheidungen der Gesellschaft darstellen.
Die nachfolgende Entwicklung der repräsentativen Konzentrationspfade (RCPs) führte jedoch zu einer anderen Situation. Diese Pfade waren ursprünglich als Eingangsdaten für die Klimamodellierung konzipiert. Sie sollten nicht zu universellen Prognosen für Regierungen, Finanzinstitutionen und wirtschaftliche Bewertungen werden.
Pielke beschrieb ein grundlegendes Problem im Umgang der Forschungsgemeinschaft mit diesen Szenarien. Es bestand ein Anreiz, die praktische Relevanz der Klimaforschung aufzuzeigen, da dies die Finanzierung und die politische Aufmerksamkeit rechtfertigte. Dies ist die „Ursünde“ hinter der späteren Verwirrung um die Rolle von Szenarien.
Das Problem bestand nicht einfach darin, dass extreme Szenarien existierten. Es bestand vielmehr darin, dass die Unterscheidung zwischen der Erkundung einer Möglichkeit und der Beschreibung der Zukunft verschwamm.
Wie RCP8.5 den Status des „Weiter-so-wie-bisher“ erlangte
RCP8.5 stellt einen Pfad mit sehr hohen Emissionen dar. Es erlangte besondere Bedeutung, weil es zunehmend als „Weiter-so-wie-bisher“-Szenario betrachtet wurde: eine Beschreibung dessen, wo die Welt ohne grundlegende Kursänderungen enden würde.
Laut Pielke entsprach dies nicht der ursprünglichen Absicht des Rahmenwerks. Mehrere Szenarien sollten ursprünglich als Vergleichsgrundlage dienen, doch diese Unterscheidung ging im Laufe der Zeit verloren. RCP8.5 etablierte sich als dominierendes Referenzszenario, obwohl davor gewarnt wurde, dass die verschiedenen Szenarien auf unterschiedlichen Modellierungsansätzen basierten und nicht einfach als austauschbare Versionen derselben Zukunft betrachtet werden konnten.
Pielke hob die Rolle der Klimamodellierungsgemeinschaft in diesem Prozess hervor. Das Coupled Model Intercomparison Project (CMIP) trug dazu bei, die für Klimaforscher priorisierten Szenarien festzulegen. RCP8.5 wurde als Referenzszenario ausgewählt, obwohl, wie er berichtete, die wissenschaftliche Gemeinschaft davor gewarnt worden war.
Diese institutionelle Entscheidung trug dazu bei, zu erklären, warum RCP8.5 in der veröffentlichten Forschung so weit verbreitet wurde. Wissenschaftler, die es verwendeten, fällten damit nicht unbedingt ein explizites Urteil darüber, dass es der wahrscheinlichste zukünftige Weg sei. Sobald der Pfad jedoch als Grundlage etabliert war, konnten nachfolgende Studien ihn übernehmen, ohne seine Annahmen erneut zu überprüfen.
Anders ausgedrückt: Der Einfluss des Szenarios beruhte nicht allein auf seinen wissenschaftlichen Vorzügen. Sein institutioneller Status trug maßgeblich dazu bei, wie es genutzt wurde.
Ein extremer Weg, der von der Realität abwich
Pielke argumentierte, dass die Annahmen hinter RCP8.5 bereits sehr schwer zu verteidigen seien und mit der Entwicklung der realen Energiewirtschaft immer unplausibler würden.
Eines der deutlichsten Beispiele ist Kohle. RCP8.5 prognostizierte einen achtfachen Anstieg des Kohleverbrauchs im Laufe des Jahrhunderts – etwa das Fünffache der in Pielkes Präsentation genannten nachgewiesenen Kohlevorräte. Dennoch war der Anteil der Kohle am globalen Energiemix bereits rückläufig, als die RCPs veröffentlicht wurden.
Das Szenario ging außerdem davon aus, dass Kohle in großem Umfang zur Herstellung flüssiger Kraftstoffe für Fahrzeuge genutzt würde und Erdöl und Diesel ersetzen würde. Gleichzeitig prognostizierte es sinkende Anteile für Technologien wie Wind- und Kernenergie. Diese Annahmen wichen zunehmend von der tatsächlichen Energieentwicklung ab.
Pielke würdigte die von Justin Ritchie initiierten Forschungen, die die Unplausibilität des Pfades aufgezeigt hatten. Seiner Ansicht nach hätte das Problem viel früher erkannt werden müssen, anstatt RCP 8.5 jahrelang als Standardreferenzpunkt beizubehalten. RCP 8.5 war nie plausibel.
Die Folgen dieser Diskrepanz reichten weit über die Klimamodellierung hinaus. Untersuchungen auf Basis des RCP8.5-Szenarios dienten der Bewertung extremer Klimaauswirkungen, wirtschaftlicher Schäden und der sozialen Kosten von Kohlenstoff. Pielke stellte fest, dass ein Großteil der in verschiedenen Methoden zur Berechnung der sozialen Kosten von Kohlenstoff ermittelten Schäden in Projektionen auftritt, die eine Erwärmung von mehr als 3 °C bis 2100 vorhersagen. Dies wirft eine wichtige Frage auf: Was geschieht mit diesen Schätzungen, wenn die Welt keinen derart extremen Emissionspfad einschlägt?
Die Sorge besteht nicht darin, dass Szenarien mit gravierenden Folgen niemals untersucht werden sollten. Vielmehr sollte ein Szenario, das zur Untersuchung einer extremen Möglichkeit konzipiert wurde, nicht automatisch zur zentralen Annahme für wirtschaftliche und politische Entscheidungen werden.
Warum dieses Szenario so einflussreich wurde
Nachdem sich RCP8.5 als Standardreferenzpunkt etabliert hatte, entwickelte es eine Eigendynamik. Forscher konnten neue Studien auf früheren Arbeiten aufbauen, während Fachzeitschriften, Universitäten und Medien ein Interesse daran hatten, auf dramatische Ergebnisse zu achten. Eine Studie, die schwerwiegende Folgen in einem Extremszenario prognostizierte, konnte mehr Aufmerksamkeit erregen als eine, die eine weniger alarmierende, aber plausiblere Zukunft untersuchte.
Das Ergebnis, so Pielke, war eine Rückkopplungsschleife. RCP8.5 wurde in der Fachliteratur unter anderem deshalb so häufig verwendet, weil es als Referenzszenario festgelegt worden war; seine weite Verbreitung trug dann dazu bei, den Eindruck zu verstärken, dass es eine angemessene Darstellung des „Weiter-so-wie-bisher“-Betriebs sei.
Dieses Szenario spielte auch in wichtigen Analysen eine bedeutende Rolle. Pielke verwies auf die US-amerikanische Nationale Klimastudie, in der das RCP8.5-Szenario maßgeblich berücksichtigt wurde. Prognosen über erhebliche wirtschaftliche Verluste bis zum Ende des Jahrhunderts erhielten daraufhin große mediale Aufmerksamkeit. Wurden die Annahmen hinter diesen Prognosen nicht ausreichend erläutert, konnte die Öffentlichkeit ein mögliches Szenario leicht mit einer wahrscheinlichen Vorhersage verwechseln.
Dasselbe Problem betraf auch die breitere wissenschaftliche Literatur. Pielke stellte fest, dass extreme Szenarien weiterhin in Tausenden von Publikationen auftauchten, selbst nachdem ihre Schwächen immer deutlicher geworden waren. Er hob zudem die Schwierigkeit hervor, ein einmal etabliertes Narrativ zu korrigieren: Forscher, Politiker und Journalisten verwenden möglicherweise weiterhin vertraute Annahmen, lange nachdem deren ursprüngliche Begründung an Gewicht verloren hat.
Eine Korrektur, die die Öffentlichkeit noch nicht erreicht hat
Pielke begrüßte den jüngsten Kurswechsel, die extremsten Emissionsszenarien nicht mehr als plausible Referenzfälle zu betrachten. Er warnte jedoch davor, dass Änderungen in wissenschaftlichen Bewertungen nicht automatisch zu einem veränderten öffentlichen Verständnis oder einer veränderten Regierungspolitik führen.
Ältere Studien sind weiterhin verfügbar und werden nach wie vor zitiert. Kommunen und andere Organisationen verwenden möglicherweise immer noch Bewertungen, die auf überholten Szenarien basieren. Dramatische Schlagzeilen können sich derweil noch lange halten, selbst nachdem die zugrunde liegenden Annahmen revidiert wurden.
Für Pielke liegt die Lehre darin, dass die Szenarioauswahl transparenter gestaltet und regelmäßig anhand der Entwicklungen in der realen Welt überprüft werden muss. Extreme Szenarien können in der wissenschaftlichen Forschung weiterhin sinnvoll sein, sollten aber klar als solche gekennzeichnet werden. Entscheidungsträger müssen wissen, ob eine Bewertung eine realistische Erwartung, eine bedingte Möglichkeit oder einen extremen Stresstest beschreibt.
Es geht auch um die Frage der Verantwortlichkeit. Eine relativ kleine Gruppe von Experten kann Entscheidungen über Szenarien treffen, die wiederum die Klimaforschung, die Finanzmarktregulierung und die öffentliche Politik weltweit beeinflussen. Pielke stellte die Frage, ob die Steuerung dieses Prozesses ausreichend geprüft wurde, angesichts der Konsequenzen, die die Festlegung eines bestimmten Szenarios als Grundlage haben könnte.
Die Debatte um den Klimanotstand: Pielkes Schlussfolgerung
In der anschließenden Fragerunde weitete sich die Diskussion von Szenarien auf die politische Debatte über den Klimawandel aus. Pielke stellte fest, dass in den letzten Jahren ein pragmatischerer Ansatz in der Energie- und Klimapolitik an Bedeutung gewonnen habe. Energiesicherheit und -bezahlbarkeit seien für Regierungen, insbesondere in Europa, zunehmend schwieriger den Klimazielen unterzuordnen.
Pielke ging auch auf die Debatte ein, ob die Gesellschaft vor einem Klimanotstand steht – und daher Klimaziele über andere Prioritäten stellen muss. Seiner Einschätzung nach haben diejenigen diese Debatte gewonnen, die diese Sichtweise ablehnen, darunter Personen und Organisationen wie Clintel. „Ich denke, dieser Kampf ist entschieden. Er ist gewonnen.“
Dies sollte nicht mit der Behauptung verwechselt werden, der Klimawandel finde nicht statt oder habe keine Folgen. Pielkes Argumentation bezog sich auf die politische Debatte und die Prioritäten, die die Politik leiten sollten.
Er plädierte für einen konstruktiveren Fokus auf die Gewährleistung eines sicheren, erschwinglichen und reichlich vorhandenen Energiezugangs für alle, wobei die Klimapolitik nur ein von mehreren zu berücksichtigenden Aspekten sei.
Die Geschichte von RCP8.5 verdeutlicht, warum diese Unterscheidung so wichtig ist. Ein Szenario, das eine extreme Zukunftsvision untersuchen sollte, erlangte den Status eines Referenzszenarios und prägte jahrzehntelange Forschung und öffentliche Debatten. Pielkes zentrale Warnung richtete sich nicht gegen die Untersuchung von Worst-Case-Szenarien, sondern dagegen, diese mit realistischen Erwartungen zu verwechseln. Eine bessere Klimapolitik, so argumentierte er, erfordere sowohl fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse als auch ein klares Verständnis dessen, was die vorliegenden Daten tatsächlich über die Zukunft aussagen.
Übersetzung: Eric Vieira
Die Folien dieser Präsentation: PowerPoint-Präsentation
Die erste Präsentation für Clintel: Roger Pielke Jr.: Akzeptieren Sie nicht das Etikett „Klimaskeptor“
Marcel Croks Interview mit Pielke: Roger Pielke Jr.: „Ich würde die Temperaturziele abschaffen“
Der Artikel, den Sie soeben gelesen haben, wurde durch unsere Spender ermöglicht.
Clintel veröffentlicht täglich Artikel zu Klima, Energie und Wissenschaft. Wir übersetzen und verbreiten außerdem internationale Analysen in verschiedenen Sprachen, produzieren Videos, veröffentlichen Berichte und organisieren Konferenzen und Veranstaltungen weltweit.
Wir erhalten keine staatlichen Fördermittel und sind vollständig auf die Unterstützung unserer Spender angewiesen. Ihre Unterstützung hilft uns, unabhängige Forschung zu fördern und zu einer offeneren und ausgewogeneren Debatte über Klima- und Energiefragen beizutragen.
Möchten Sie unsere Arbeit unterstützen? Wählen Sie die Option, die am besten zu Ihnen passt:
- Werden Sie Freund von Clintel – unterstützen Sie uns mit einem jährlichen Beitrag
- Richten Sie eine regelmäßige Spende ein – leisten Sie fortlaufende Unterstützung und helfen Sie uns bei der Planung
- Spenden Sie einmalig – jeder Beitrag hilft
Vielen Dank für Ihre Unterstützung.
more news
Halloween is saved: pumpkins are not endangered by climate change
CBC’s ‘Climate Change’ spook story about Canadian pumpkin harvests is all trick and no treat. CBC should have had done a little more homework and showed more discernment when making claims about long term climate change based on two years of pumpkin harvests, says Linnea Lueken.
No Evidence Extreme Weather Events Are Becoming More Frequent or Intense: (6) Wildfires
In a series of articles physicist Ralph B. Alexander examines whether weather extremes are becoming more frequent or intense. Following his previous article on tornadoes, this final installment focuses on wildfires.
Claim of 50,000 heat-related deaths not based on facts
Once again, the media were reporting on heat-related deaths. As many as 50,000 people were said to have succumbed to the heat in European cities this summer. The media reported the news uncritically. However, a fact-check by Marcel Crok reveals that the researchers did not use any mortality figures at all in this study and that assumptions were piled upon assumptions.
The post Roger Pielke Jr.: Wie RCP8.5 zum klimapolitischen Albtraum wurde appeared first on Clintel.
Please consider helping!
Awake Freedom TV On Roku is Broken! 🙂

I could no longer maintain the costs on my own, so I moved the off of a dedicated server which was needed for the TV platform to work. On top of that, I want to build an app Awake Freedom TV app, for mobile phones. We need your help to first resurrect our TV channel, and then build the mobile app. In order to do that, I need a minimum of 800/month on subscription payments. Please help anyway you can with the form below.












Leave A Comment