Roger Pielke Jr.: „Die Pariser Temperaturziele sollten weg“

Roger Pielke Jr.: „Die Pariser Temperaturziele sollten weg“

Roger Pielke Jr.: „Die Pariser Temperaturziele sollten weg“

Die internationale Gemeinschaft und insbesondere die EU sollten die im Pariser Abkommen festgelegten Temperaturziele zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C aufgeben, so der unabhängige Forscher Roger Pielke Jr. in einem Interview mit Clintel-Direktor Marcel Crok. Dies würde den Weg für einen pragmatischeren Ansatz ebnen, der den wirtschaftlichen Wohlstand nicht beeinträchtigen würde.

Climate Intelligence (Clintel) is an independent foundation informing people about climate change and climate policies.
Paris temperature targets – Clintel Director Marcel Crok interviewing climate policy researcher Roger Pielke Jr. about the Paris Agreement and European energy policy.

Clintel-Direktor Marcel Crok im Interview mit Roger Pielke Jr.

Clintel Foundation

Datum: 27. Oktober 2026

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In dem von Café Weltschmerz ermöglichten Interview sprechen Clintel-Direktor Marcel Crok und Roger Pielke Jr. über zahlreiche klimabezogene Themen; beispielsweise über den Druck der etablierten Klimaforschung, der Pielke schließlich zum Ausstieg aus der Wissenschaft bewog, und über die internen Probleme des IPCC (siehe auch diesen Clintel-Vortrag). Pielke vertritt heute eine Position, die sich nur schwer in die gängige Klimadebatte einordnen lässt. Der amerikanische Politikwissenschaftler betrachtet den Klimawandel als ein ernstes Problem, das sowohl Abschwächungs- als auch Anpassungsmaßnahmen erfordert. Er akzeptiert, dass menschliche Aktivitäten, einschließlich der Verbrennung fossiler Brennstoffe, das Klimasystem verändern. Dennoch bleibt er der etablierten Klimawissenschaft und -politik gegenüber sehr kritisch. Er lehnt beispielsweise die Vorstellung ab, dass dies die zunehmend ambitionierten CO₂-Ziele rechtfertigen, die von Regierungen, insbesondere in Europa, verfolgt werden.

Das vollständige Interview können Sie unten ansehen:

Pielke argumentiert, dass die Unterscheidung zwischen der Erkennung eines Risikos und der Festlegung einer politischen Reaktion grundlegend ist. Die Klimawissenschaft kann zwar potenzielle Gefahren identifizieren, aber sie kann nicht selbst bestimmen, wie viel die Gesellschaft ausgeben soll, welche Technologien sie einführen oder wie schnell sie ihr Energiesystem transformieren sollte. Das sind politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die eine wesentlich umfassendere Bewertung von Kosten, Nutzen und konkurrierenden Prioritäten erfordern.

Seine Schlussfolgerung ist bemerkenswert: Die internationale Gemeinschaft sollte die im Pariser Abkommen festgelegten Temperaturziele zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 °C aufgeben und stattdessen Anstrengungen in Richtung 1,5 °C unternehmen. Anstatt eine bestimmte globale Temperatur als oberstes Ziel zu behandeln, fordert Pielke die Regierungen auf, sich auf messbare Fortschritte bei der Dekarbonisierung zu konzentrieren, die durch technologische Innovationen und nicht durch wirtschaftliche Beschränkungen vorangetrieben werden.

Der Klimawandel ist keine unmittelbar bevorstehende Apokalypse

Pielke beginnt damit, zu erklären, warum er den Klimawandel weiterhin als ernst bezeichnet, trotz seiner starken Kritik an Behauptungen, dass extreme Wetterereignisse zunehmend zerstörerisch werden.

Er argumentiert, dass der menschliche Einfluss auf das Klima über Kohlendioxidemissionen hinausgeht und auch andere Treibhausgase, Aerosole, Umweltverschmutzung und Landnutzungsänderungen umfasst. Diese Aktivitäten verändern die Energiebilanz der Erde und können somit Temperaturen, Ökosysteme und die Lebensbedingungen menschlicher Gesellschaften beeinflussen.

Die Schwere des Problems rührt seiner Ansicht nach zum Teil von den Grenzen des wissenschaftlichen Wissens her. Niemand kann die Folgen dieser Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten mit Sicherheit vorhersagen. Manche könnten sich als relativ harmlos erweisen, andere hingegen als verheerender als erwartet. Wie er es formuliert: „Der Klimawandel ist nicht deshalb so besorgniserregend, weil wir die Zukunft mit Sicherheit kennen, sondern weil wir sie nicht kennen.“

Diese Unsicherheit wirkt in beide Richtungen. Pielke weist die Behauptung zurück, eine Katastrophe sei unausweichlich, weigert sich aber auch, auszuschließen, dass der Klimawandel jemals erheblichen Schaden anrichten wird. Er vergleicht das Risiko mit dem eines Asteroideneinschlags auf der Erde: Ein Ereignis muss nicht unmittelbar bevorstehen, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Pielke unterscheidet zwischen möglichen langfristigen Risiken und der Behauptung, die Menschheit stehe vor einem unmittelbaren Klimanotstand. Die vorliegenden Beweise stützen keine apokalyptischen Vorhersagen über das baldige Ende der Zivilisation. Seiner Einschätzung nach bedeutet das Fehlen eines Klimanotstands jedoch nicht, dass der Klimawandel getrost ignoriert werden kann.

Deshalb befürwortet er sowohl Klimaschutzmaßnahmen als auch Anpassungsmaßnahmen. Emissionsreduzierungen können den menschlichen Einfluss auf das Klima begrenzen, während Anpassungsmaßnahmen Gesellschaften helfen, mit Veränderungen umzugehen, die unabhängig von Klimaschutzbemühungen auftreten. Keiner der beiden Ansätze sollte als Ersatz für den anderen betrachtet werden.

Roger Pielke Jr. discussing climate change, decarbonization and the temperature targets of the Paris Agreement.

Foto : MKFotografie

Warum die Pariser Temperaturziele abgeschafft werden sollten

Die Unterscheidung zwischen einer berechtigten Sorge und einer wirksamen Politik wird gegen Ende des Interviews zentral, als Pielke direkt gefragt wird, ob er die Temperaturziele des Pariser Abkommens aufgeben würde.

Seine Antwort ist eindeutig. Er argumentiert, dass die 1,5°C- und 2°C-Ziele zwar ein gewünschtes Ergebnis beschreiben, aber nicht angeben, wie dieses erreicht werden soll. Daher eignen sie sich schlecht als Instrumente zur Steuerung praktischer Politik und sind im Grunde bedeutungslos.

Pielke veranschaulicht das Problem, indem er Klimaziele mit dem hypothetischen Ziel vergleicht, jedem Menschen ein Alter von 90 Jahren zu sichern. Ein solches Ziel mag zwar erstrebenswert sein, doch seine bloße Verkündung würde Regierungen keine Handlungsanweisung geben. Fortschritte hingen von Verbesserungen in Medizin, Ernährung, öffentlicher Gesundheit und anderen Faktoren ab, die die Lebenserwartung tatsächlich beeinflussen.

Dasselbe Prinzip, so argumentiert er, gelte auch für die Klimapolitik. Ein globales Temperaturziel liefere allein keine Strategie für die Transformation des Energiesystems. Es lege auch nicht fest, welche Technologien verfügbar seien, was sie kosten würden, wie schnell sie eingesetzt werden könnten oder wie ihre Folgen gegen andere öffentliche Prioritäten abgewogen werden sollten.

Pielkes Schlussfolgerung ist eindeutig: „Ein Temperaturziel von 1,5 Grad oder 2 Grad ist nicht aussagekräftig. Es sagt uns nicht, was wir in der realen Welt tun müssen.“

Seine Kritik erstreckt sich auch auf Emissionsziele und Netto-Null-Fristen. Seiner Ansicht nach sind politische Verpflichtungen, ein bestimmtes Ziel bis zu einem bestimmten Jahr zu erreichen, weniger sinnvoll als die Untersuchung der tatsächlichen Geschwindigkeit, mit der Volkswirtschaften ihre Kohlenstoffintensität reduzieren.

Das bedeutet nicht, die Dekarbonisierung aufzugeben. Im Gegenteil, Pielke fordert die Regierungen auf, sie direkter zu messen. Die Kohlenstoffintensität – die Kohlendioxidemissionen pro Einheit Wirtschaftsleistung – dient als Indikator dafür, ob eine Volkswirtschaft Güter und Dienstleistungen mit fortlaufend geringeren Emissionen produziert.

Regierungen könnten kurzfristige Ziele zur Verbesserung dieser Kennzahl festlegen und bewerten, ob bestimmte Maßnahmen die gewünschten Ergebnisse erzielen. Der Ersatz der Kohleverstromung durch Erdgas, Kernenergie oder erneuerbare Energien hätte beispielsweise messbare Auswirkungen auf Emissionen und Kohlenstoffintensität. Entscheidungsträger könnten diese Ergebnisse vergleichen, anstatt sich auf weit entfernte Ziele zu stützen, die möglicherweise wenig mit dem Realisierbaren zu tun haben.

Die zugrundeliegende Argumentation lautet, dass Richtung und Tempo des technologischen Wandels wichtiger sind als ein politisch festgelegter Temperaturschwellenwert. Eine erfolgreiche Politik sollte nachweisen, dass sie die Emissionen tatsächlich reduziert, ohne der Gesellschaft unverhältnismäßige Kosten aufzuerlegen.

Europa: teure Energie ohne schnellere Dekarbonisierung

Pielkes Kritik hat besonders wichtige Implikationen für die Europäische Union, die einige der weltweit ambitioniertesten Klimapolitiken verfolgt. Er stellt infrage, ob Europas Ansatz seine erklärten Ziele erreicht, und argumentiert, dass die politischen Entscheidungsträger die wirtschaftlichen Folgen steigender Energiepreise unterschätzt haben.

Ausgangspunkt ist eine historische Beobachtung: Die Kohlenstoffintensität der europäischen und amerikanischen Volkswirtschaften sinkt seit Jahrzehnten, doch er sieht nach dem Pariser Abkommen keine signifikante Beschleunigung dieses Trends. Seiner Einschätzung nach hat Europa nicht bewiesen, dass seine zunehmend ambitionierten Klimaverpflichtungen die Dekarbonisierung wesentlich beschleunigt haben.

Er ist der Ansicht, dass der grundlegende Fehler in der Annahme liegt, dass eine Preiserhöhung für fossile Brennstoffe den Übergang zu saubererer Energie automatisch beschleunigen wird. Höhere Preise können zwar Effizienz und Substitution fördern, erhöhen aber auch die Produktionskosten, schwächen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und hemmen Investitionen.

Unternehmen, die mit hohen Energiekosten konfrontiert sind, könnten ihre Produktion in Länder mit günstigeren Energiekosten verlagern. Dadurch könnten die europäischen Emissionen sinken, da in Europa weniger industrielle Aktivität stattfindet, selbst wenn die Produktion – und die damit verbundenen Emissionen – lediglich woandershin verlagert wird.

Pielke betrachtet dies als eine potenziell irreführende Form des Fortschritts. Eine Emissionsreduktion innerhalb Europas bedeutet nicht zwangsläufig eine gleichwertige Reduktion weltweit.

Er stellt auch die Annahme infrage, dass die europäische Führungsrolle den Rest der Welt automatisch zum Nachahmen bewegen wird. Europa ist nur für einen geringen Anteil der globalen Kohlendioxidemissionen verantwortlich, und sein relatives wirtschaftliches Gewicht nimmt mit dem Wachstum der asiatischen Volkswirtschaften ab. Selbst substanzielle europäische Reduzierungen können das globale Emissionsproblem nicht allein lösen.

Deshalb warnt er vor Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie schwächen, ohne vergleichbare globale Vorteile zu erzielen. Die wirtschaftlichen Folgen könnten zudem die öffentliche Unterstützung für die Klimapolitik untergraben. Bei steigenden Energiepreisen rücken Bezahlbarkeit und wirtschaftliche Sicherheit für die Wähler immer stärker in den Vordergrund, was populistischen Parteien, die günstigere Energie versprechen, neue Chancen eröffnet.

Roger Pielke Jr. speaking during his first lecture for Clintel on October 11, 2026. Photo: MKFotografie.

Pielke während seiner ersten Vorlesung für Clintel am 11. Oktober. (Foto: MKFotografie)

Was sollte die EU stattdessen tun?

Pielke bietet mehrere konkrete Alternativen zum aktuellen europäischen Ansatz. Erstens sollte der weltweiten Reduzierung des Kohleverbrauchs Priorität eingeräumt werden. Er hält Kohle aufgrund ihrer hohen CO₂-Intensität für eines der vielversprechendsten Ziele zur Emissionsreduzierung. Der Ersatz von Kohlekraftwerken durch Erdgas kann die Emissionen senken, während die Kernenergie eine weitere Option für die Stromerzeugung mit geringen CO₂-Emissionen im Betrieb darstellt. Er argumentiert, dass sich die europäischen Entscheidungsträger auf Maßnahmen konzentrieren sollten, die international substanzielle Reduzierungen bewirken können, anstatt unverhältnismäßig stark auf Maßnahmen zu setzen, die die Energiekosten im Inland verteuern.

Er geht davon aus, dass selbst eine relativ geringe Reduzierung des Kohleverbrauchs in China zu vergleichbaren Emissionsauswirkungen wie in weiten Teilen Europas führen könnte. Die konkreten Möglichkeiten hängen von den nationalen Gegebenheiten ab, insbesondere von der Energiesicherheit und der Verfügbarkeit von Alternativen. Grundsätzlich gilt jedoch, die größten Emissionsquellen ins Visier zu nehmen.

Zweitens: Die Kernenergie sollte nicht länger als Hindernis für die Klimapolitik betrachtet werden. Pielke hält Deutschlands Entscheidung, die Kernenergie schrittweise abzuschaffen, anstatt den Kohleausstieg zu priorisieren, für einen schweren Fehler. Hätte Deutschland seine Kernkraftwerke beibehalten, argumentiert er, hätte es seine Abhängigkeit von Kohle verringern und niedrigere Emissionen erzielen können. Die Kernenergie verdeutlicht auch seine weitergehende These: Technologische Entscheidungen können die Dekarbonisierung ermöglichen, ohne zwangsläufig die Energiekosten zu erhöhen.

Drittens sollte der technologische Fortschritt, nicht der wirtschaftliche Abschwung, im Mittelpunkt stehen. Pielke ist optimistisch, was Innovationen angeht, und sieht Potenzial in der Solarenergie, insbesondere dort, wo Strom wirtschaftlich gespeichert werden kann. Windkraft hingegen betrachtet er aufgrund ihres großen Flächenbedarfs und der für die Herstellung und Installation von Windkraftanlagen notwendigen, von fossilen Brennstoffen abhängigen Lieferketten mit größerer Vorsicht. Er lehnt erneuerbare Energien nicht ab, verwirft aber die Annahme, dass Wind- und Solarenergie allein zwangsläufig den Energiewandel vorantreiben werden.

Viertens muss die Energiepolitik wieder ihren angemessenen Stellenwert erhalten. Energiesysteme müssen gleichzeitig bezahlbaren Strom, eine zuverlässige Versorgung, Energiesicherheit und geringere Umweltbelastung gewährleisten. Pielke argumentiert, dass die Klimapolitik die Reduzierung von Kohlendioxid allzu oft über diese anderen Ziele gestellt hat. Regierungen sollten stattdessen Abwägungen machen und Strategien verfolgen, die mehrere Ergebnisse gleichzeitig verbessern.

Seine Kritik erstreckt sich auch auf den EU-Grenzausgleichsmechanismus für CO₂ und ähnliche Maßnahmen zum Schutz der europäischen Industrie vor Wettbewerbern mit weniger strengen Klimaauflagen. Er bezweifelt, dass solche Instrumente die weitreichenden wirtschaftlichen Folgen teurer Energie ausgleichen können. Seiner Meinung nach sollten sich die europäischen Entscheidungsträger lieber auf praktische technologische Veränderungen, insbesondere den Ersatz von Kohle, konzentrieren, anstatt auf immer komplexere Regulierungsmechanismen zu setzen.

Ein anderes Erfolgsmaß

Pielkes Alternativvorschlag bedeutet keine Abkehr von der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass menschliche Aktivitäten das Klima beeinflussen. Er behauptet auch nicht, dass Klimaschutzmaßnahmen unnötig seien. Vielmehr plädiert er dafür, die Bewertung von Klimarisiken von den gewählten politischen Zielen der Regierungen zu trennen.

Seiner Ansicht nach läuft die EU Gefahr, ambitionierte Verpflichtungen mit wirksamem Handeln zu verwechseln. Ihre politischen Entscheidungsträger sollten sich fragen, ob ihre Politik die Dekarbonisierung tatsächlich beschleunigt, ob die von ihnen geförderten Technologien eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung gewährleisten können und ob die Reduzierung der europäischen Emissionen zu einem bedeutsamen globalen Fortschritt führt.

Für Pielke würde die Aufgabe der Pariser Temperaturziele den Weg für einen pragmatischeren Ansatz ebnen: realistische, messbare Ziele zur Reduzierung der Kohlenstoffintensität festlegen; technologische Innovationen fördern; effektive kohlenstoffarme Optionen wie die Kernenergie beibehalten; und vermeiden, den wirtschaftlichen Wohlstand zugunsten von Zielen zu opfern, die selbst nicht erklären, wie das gewünschte Ergebnis erreicht werden kann.

Übersetzung: Eric Vieira

Dieses Interview ist Teil von Roger Pielkes Besuch in den Niederlanden. Sie können sich bereits seinen ersten Vortrag für Clintel vom 11. Oktober ansehen; sein zweiter Vortrag folgt in Kürze.

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By |2026-10-27T01:12:04-07:0027 October 2026|Climate Change|0 Comments

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