Die Behauptung von 50.000 hitzebedingten Todesfällen beruht nicht auf Fakten
Erneut berichteten die Medien über hitzebedingte Todesfälle. Angeblich starben in diesem Sommer bis zu 50.000 Menschen in europäischen Städten an der Hitze. Die Medien verbreiteten die Nachricht unkritisch. Ein Faktencheck von Marcel Crok zeigt jedoch, dass die Forscher in dieser Studie überhaupt keine Sterblichkeitszahlen verwendeten und Annahmen, die auf andere Annahmen basierten
Während in den Niederlanden der Herbst Einzug gehalten hat, berichteten niederländische (und andere) Medien letzte Woche erneut ausführlich über die europäische Hitzewelle des vergangenen Sommers und die angeblich dadurch verursachten hitzebedingten Todesfälle. Hier eine Auswahl an Schlagzeilen:
Hitze hat in diesem Sommer in europäischen Städten „unglaubliche“ 50.000 Menschenleben gefordert, warnen Wissenschaftler (The Guardian).
Glühend heißer Sommer führt zu Rekordzahl hitzebedingter Todesfälle in europäischen Städten (NOS)
Nature Health
Die Kernaussage ist eindeutig: Schätzungsweise 50.000 zusätzliche hitzebedingte Todesfälle werden diesen Sommer aufgrund der extremen Hitze erwartet. Auslöser dieser Berichterstattung war eine britische Studie, die in Nature Health unter dem Titel „Hitzebedingte städtische Sterblichkeit in Europa durch den vom Menschen verursachten Klimawandel von 2000 bis 2025“ veröffentlicht wurde. Anders ausgedrückt: Hitzebedingte Todesfälle, die durch den Klimawandel verursacht werden.
Der niederländische öffentlich-rechtliche Rundfunk NOS nutzte die Daten aus der Studie, um die untenstehende Grafik zu erstellen:
Die Höhe des Balkens gibt die Gesamtzahl der hitzebedingten Todesfälle an, und die rote Farbe repräsentiert den Anteil, der nach Ansicht der Forscher auf den Klimawandel zurückzuführen ist.
Der Sommer ist vorbei, daher scheint es logisch, dass wir nun Bilanz ziehen können. Die Todesfälle wurden gezählt. Oder etwa nicht? Die niederländische Zeitung NRC beschreibt die Studie folgendermaßen:
Der Sommer 2026 war aufgrund der extremen Temperaturen vermutlich der tödlichste Sommer in Europa bisher. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler des Imperial College London und der London School of Hygiene and Tropical Medicine nach einer Analyse der hitzebedingten Todesfälle. Laut den Forschern starben im vergangenen Sommer deutlich mehr Menschen an den Folgen der Hitze als in den bisherigen Rekordjahren 2022 und 2003.
Die Wissenschaftler schätzen, dass es in den heißen Monaten Juni, Juli und August aufgrund der extremen Wetterbedingungen über 50.000 zusätzliche Todesfälle gab. Für diese Schlussfolgerung werteten sie Daten aus 854 europäischen Städten in dreißig verschiedenen Ländern aus, in denen insgesamt 40 Prozent der Bevölkerung des Kontinents leben.
Lesen Sie die fettgedruckten Passagen noch einmal aufmerksam: „Eine Analyse der Todesfälle“, „sie werteten Daten aus 854 europäischen Städten“. Das klingt, als wären die Sterbeurkunden geprüft und die Zahlen zusammengezählt worden. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die veröffentlichte Studie basiert auf Sterbedaten von null ab 2026. Sie haben richtig gelesen: null. Wie der amerikanische Forscher Willis Eschenbach in einem Artikel über die Studie trocken bemerkte: Anscheinend ist die Verwendung von Fakten sooo was von gestern.
Wenn keine Sterblichkeitszahlen aus dem Jahr 2026 verwendet wurden, wie kommen die Forscher dann zu ihrer Schätzung von 50.391 (ja, diese „exakte“ Zahl wird in der Studie genannt) hitzebedingten Todesfällen? Sie verwenden historische Zusammenhänge zwischen Temperatur und Sterblichkeit und wenden diese auf den aktuellen Sommer an.
Hier ist Schritt für Schritt beschrieben, was die Forscher getan haben:
- Sie leiteten statistische Korrelationen zwischen Temperatur und Sterblichkeit auf der Grundlage historischer Daten (2000–2019) aus 232 europäischen Städten ab.
- Diese Zusammenhänge wurden auf 622 weitere europäische Städte hochgerechnet, für die keine Daten vorlagen. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der „untersuchten“ Städte auf 854.
- Die Temperaturen in diesen Städten im Jahr 2026 wurden analysiert. Mithilfe von Klimamodellen wurde der Anteil der Erwärmung, der durch den Klimawandel (d. h. durch CO2) verursacht wird, abgeschätzt.
- Als Nächstes subtrahiert man den „menschlichen Beitrag“ von den Temperaturen dieses Sommers, um einen hypothetischen kühleren Sommer ohne Klimawandel zu erzeugen.
- Sie wenden nun die in der Vergangenheit ermittelten Zusammenhänge zwischen Temperatur und Sterblichkeit auf beide Sommer des Jahres 2026 an und subtrahieren die Ergebnisse voneinander. Dies ergibt die Gesamtzahl der hitzebedingten Todesfälle im Jahr 2026 sowie die Beiträge des natürlichen Hintergrundklimas (rosa im NOS-Diagramm) und den zusätzlichen Beitrag des vom Menschen verursachten Klimawandels (rot im NOS-Diagramm).
Zack, und fertig. Plötzlich haben Sie „bewiesen“ – und in einer der Nature-Zeitschriften veröffentlicht –, dass 2026 das tödlichste Hitzewellenjahr war. Ganz ohne die tatsächlichen Sterberaten dieses Sommers zu benötigen. Journalisten werden die Studie ohnehin nicht lesen (siehe den Auszug aus dem NRC) oder Ihre Tricks nicht durchschauen. Medienaufmerksamkeit ist garantiert. Und kritische Kommentare wie dieser Artikel und der von Willis Eschenbach erreichen die breite Öffentlichkeit nicht. Mission erfüllt.
Mehr ältere Menschen
Natürlich birgt die Studie ein ganzes Dickicht an Annahmen. Aber wer will sich schon daran stören? Nennen wir trotzdem ein paar. Die Studie verwendet Temperatur-Sterblichkeits-Beziehungen aus dem Zeitraum 2000–2019 und geht davon aus, dass diese Korrelationen danach konstant bleiben. Warum sollte das der Fall sein? Wenn die Sommer immer heißer werden, liegt es doch nahe, dass mehr Menschen Klimaanlagen installieren oder dass Länder Hitzewellenpläne entwickeln und umsetzen, oder? Die Studie berücksichtigt dies nicht. Eine andere Studie – die allerdings ebenfalls auf Modellschätzungen basiert (daher ist Vorsicht geboten) – legt nahe, dass die hitzebedingten Todesfälle ohne Anpassungsmaßnahmen um 80 Prozent höher gewesen wären. Dies zeigt, dass dies ein Faktor ist, der berücksichtigt werden muss, was in der vorliegenden Studie nicht geschehen ist.
Die Forscher verwenden Daten aus lediglich 232 Städten und wenden diese ungeprüft auf 622 weitere Städte an. Doch Städte sind nicht alle gleich, oder? Eine Stadt mag deutlich grüner sein als eine andere, wodurch die Hitze erträglicher wird.
Aber, der wohl wichtigste Faktor ist möglicherweise das Alter. Zwar verwenden die Forscher unterschiedliche Altersgruppen, doch die Verteilung innerhalb dieser Gruppen bleibt im Zeitraum 2000–2019 konstant. Dennoch hat sich in diesem Zeitraum ein bedeutender Wandel vollzogen: Europa altert. Hier ein Vergleich zwischen 2000 und 2026:
Der Anteil der über 65-Jährigen und der über 80-Jährigen ist stark angestiegen. Ältere Menschen (über 80) sind besonders anfällig für Hitze. Der dänische Umweltökonom Björn Lomborg hatte bereits Anfang des Jahres darauf hingewiesen, als die Fachzeitschrift „The Lancet“ alarmierende Zahlen zu hitzebedingten Todesfällen in Europa veröffentlichte. Lomborg bezeichnete dies auf X als „Klima-Täuschung wie aus dem Lehrbuch“. Seiner Ansicht nach lässt sich der nahezu gesamte Anstieg der hitzebedingten Todesfälle durch die alternde Bevölkerung erklären.
Quelle: Lomborg
Nach Altersbereinigung stellt Lomborg nur einen minimalen Anstieg hitzebedingter Todesfälle fest:
QQuelle: Lomborg
Kälte ist weitaus gefährlicher
Ein weiterer, ebenso wichtiger Punkt, den Lomborg immer wieder betont, ist, dass die Fixierung auf Hitze fehlgeleitet ist, da Kälte weltweit und auch in Europa immer noch weitaus mehr Opfer fordert als Hitze. Zwar wird die globale Erwärmung in Europa tatsächlich zu (etwas) mehr hitzebedingten Todesfällen führen, doch der Rückgang der kältebedingten Todesfälle ist wesentlich größer. Dies ist daher insgesamt eine gute Nachricht, die jedoch nie ausreichend hervorgehoben wird, wenn der Fokus ausschließlich auf Hitze liegt.
Bemerkenswerterweise veröffentlichte das niederländische Nationale Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM) letzte Woche eine Studie, die dieses Verhältnis auch für die Niederlande bestätigte. Laut RIVM sterben jährlich rund 350 Menschen zusätzlich an den Folgen von Hitze, verglichen mit nicht weniger als 12.000 (!) Todesfällen durch Kälte. Das ist 35-mal so viel!
Natürlich – so könnte man fast sagen – konzentrierte sich der NRC in einem Artikel zu diesem Thema auf die Hitze („Die Menschen in manchen Vierteln sind hitzebeständiger als in anderen“). Doch die Kolumnistin Marianne Zwagerman wies in De Telegraaf umgehend auf die hohe Zahl der vom RIVM gemeldeten Kältetoten hin. Ihr Fazit: „Wir bekämpfen die Hitze, lassen aber Tausende Niederländer an der Kälte sterben.“
Einer der an der RIVM-Studie beteiligten Forscher ist Hein Daanen von der VU Universität Amsterdam. Zufällig hörte ich ihn diesen Sommer im Radio erklären, warum ältere Menschen tatsächlich schneller an Hitze sterben als jüngere. In dem Beitrag hob Daanen jedoch auch die weitaus größere Gefahr durch Kälte hervor und merkte an, es sei merkwürdig, dass die Niederlande zwar einen nationalen Hitzeplan, aber keinen nationalen Kälteplan haben.
Übersetzung: Eric Vieira
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 27. Oktober 2026 auf Indepen.eu in niederländischer Sprache veröffentlicht.

Marcel Crok
Marcel Crok ist ein niederländischer Wissenschaftsjournalist, der seit seinem preisgekrönten Artikel über das berüchtigte Hockeyschlägerdiagramm im Jahr 2005 hauptberuflich über die Klimadebatte und Klimapolitik schreibt. Er veröffentlichte zwei Bücher auf niederländisch „De Staat van het Klimaat“ (Der Zustand des Klimas) und war Mitautor des Buches „Ecomodernisme“ (Ökomodernismus). Gemeinsam mit dem britischen unabhängigen Forscher Nic Lewis verfasste er einen umfassenden Bericht über Klimasensitivität mit dem Titel „A Sensitive Matter“ (Eine heikle Angelegenheit). Er wurde von der niederländischen Regierung als Gutachter für den IPCC-Bericht AR5 (Allgemeiner Sachverhalt des fünften Verfassungszusatzes) berufen. Zusammen mit den niederländischen Klimainstituten KNMI und PBL gründete Crok die internationale Diskussionsplattform Climate Dialogue .
2019 gründete er zusammen mit dem emeritierten Professor Guus Berkhout die Clintel Foundation. Sie veröffentlichten die Weltklimaerklärung, die mittlerweile von über 2000 Wissenschaftlern und Experten unterzeichnet wurde. Gemeinsam mit Andy May und einem Team von Wissenschaftlern des Clintel-Netzwerks wirkte Crok an dem Buch „The Frozen Climate Views of the IPCC“ (Die eingefrorenen Klimaansichten des IPCC) mit und gab es heraus.
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