„Es gibt keine erneuerbare Energie.“
Der Geologe, Energieexperte und Pädagoge Scott Tinker stellte in seinem jüngsten Auftritt im beliebten Podcast Triggernometry einige der zentralen Annahmen hinter der modernen Energiewende infrage: „Es gibt keine erneuerbare Energie.“
Solarpaneele und Windkraftanlagen nutzen zwar Energieströme, die sich in der Natur kontinuierlich erneuern, argumentierte Tinker, doch die industriellen Systeme, die zur Gewinnung dieser Energie benötigt werden, bestehen aus abgebauten Rohstoffen, werden hergestellt, ersetzt und schließlich entsorgt. Die Bezeichnung dieser Energie als „erneuerbar“ verschleiert daher die physische Infrastruktur, von der sie abhängt.
Das vollständige Interview können Sie hier ansehen:
Tinkers Argument lautet nicht, dass Solar- und Windenergie keine Rolle spielen. Im Gegenteil, er betonte wiederholt, dass er weder gegen Solar- noch gegen Windenergie sei. Sie können nützliche Bestandteile eines diversifizierten Energiesystems sein, insbesondere dort, wo sie wirtschaftlich und technisch sinnvoll sind. Sein Einwand richtet sich gegen die Vorstellung, dass sie die hochdichten, bedarfsgerecht steuerbaren Energiequellen, auf denen die moderne Industriegesellschaft beruht, einfach ersetzen können.
Seine Perspektive basiert auf einer ungewöhnlichen Kombination aus technischer Erfahrung und globaler Beobachtung. Der studierte Geologe Tinker arbeitete 17 Jahre im technischen Bereich der Öl- und Gasindustrie, bevor er an die University of Texas in Austin wechselte. Dort baute er eine große Forschungseinheit auf, die Energie-, Umwelt- und Wirtschaftsforschung vereinte. Anschließend bereiste er ausgiebig die Welt und drehte Filme, die die Funktionsweise von Energiesystemen in verschiedenen Teilen der Welt untersuchten. Diese Erfahrung, so erzählte er den Moderatoren Konstantin Kisin und Francis Foster, habe ihn davon überzeugt, dass Energie nicht isoliert von Wirtschaft, Entwicklung und Umwelt betrachtet werden kann.
Dichte ist der Schlüssel
Das zentrale Konzept in Tinkers Analyse ist die Energiedichte. Die menschliche Zivilisation, so argumentiert er, habe sich historisch hin zu Energiequellen entwickelt, die aus relativ geringen Materialmengen immer größere Mengen nutzbarer Energie liefern können. Holz wich der Kohle, Kohle dem Erdöl und schließlich zunehmend Erdgas und Kernenergie. Jeder dieser Schritte ermöglichte größere Mobilität, industrielle Produktion und wirtschaftliche Aktivität.
Kohle konzentriert beispielsweise die chemische Energie, die Pflanzen ursprünglich aus Sonnenlicht gewonnen haben. Öl ist für den Transport nach wie vor praktischer und energiereicher, während Erdgas im Verhältnis zu Kohlenstoff mehr Wasserstoff enthält. Kernbrennstoffe heben dieses Prinzip auf eine völlig andere Ebene. Tinker sieht diese Entwicklung nicht primär als politische Entscheidung, sondern als Folge physikalischer und ökonomischer Gesetze. „Es ist Physik. Es ist keine Frage der Wertung“, sagte er in seiner Diskussion über die durch die Energiedichte bedingten Grenzen.
Solar- und Windenergie stehen seiner Ansicht nach vor zwei grundlegenden Problemen. Erstens, ihre relativ geringe Leistungsdichte. Die Erzeugung großer Energiemengen erfordert große Kollektorflächen und erhebliche Mengen an Rohstoffen. Diese Materialien müssen abgebaut, verarbeitet und hergestellt werden. Zweitens, ihre Unbeständigkeit. Solarenergie fällt nachts weg und wird durch Bewölkung reduziert; Windenergie ist wetterabhängig. Ein modernes Stromnetz muss jedoch kontinuierlich funktionieren.
Das bedeutet, dass Wind- und Solarenergie Backup-Systeme, Speicher oder andere Formen der zuverlässigen Stromerzeugung benötigen. Tinker nennt Gaskraftwerke und immer größere Batteriespeicher als Beispiele. Er zieht den eindrücklichen Vergleich heran, dass Lithium-Ionen-Batterien eine sehr geringe Energiedichte pro Gewichtseinheit aufweisen, und verdeutlicht damit die physikalische Herausforderung, genügend Energie zu speichern, um ein modernes Stromnetz über längere Zeiträume mit geringer erneuerbarer Energieerzeugung aufrechtzuerhalten.
Er betonte außerdem, dass man von den Entwicklungsländern nicht einfach erwarten könne, eine deutlich energieärmere Zukunft zu akzeptieren. Eine kleine Solaranlage könne in einem abgelegenen Dorf ohne Stromnetz einen tiefgreifenden Wandel bewirken. Tinker beschrieb die Installation einer 3,5-Kilowatt-Solaranlage in einem indigenen Dorf in Kolumbien, die Licht, Ventilatoren und Kühlmöglichkeiten für Medikamente bereitstellte. Doch das sei nur ein erster Schritt. Um solche Gemeinschaften in die moderne Wirtschaft zu integrieren, seien deutlich größere Mengen an zuverlässiger und kompakter Energie erforderlich.
Die Welt verzichtet nicht wirklich auf fossile Brennstoffe
Tinker argumentierte, dies sei eines der größten Missverständnisse im Zusammenhang mit der Energiewende. Die Betrachtung von Prozentzahlen könne den Eindruck erwecken, fossile Brennstoffe verschwänden, während der absolute Verbrauch ein ganz anderes Bild zeichne.
Laut seiner Darstellung decken Kohle, Erdöl und Erdgas nach wie vor rund 80 % des globalen Primärenergiebedarfs. Ihr prozentualer Anteil hat sich zwar verändert, doch aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums und der zunehmenden Wirtschaftstätigkeit steigt der Verbrauch einiger fossiler Brennstoffe absolut gesehen weiterhin an. Gleichzeitig werden Solar-, Wind- und andere Energiequellen hinzugewonnen, anstatt die bestehenden Vorkommen lediglich zu ersetzen.
Die geografische Dimension ist besonders wichtig. Asien, allen voran China und zunehmend auch Indien, verbraucht enorme Mengen an Energie, da es einen enormen Anteil der weltweiten Industriegüter produziert. Westliche Länder können ihre Emissionen zwar reduzieren, indem sie ihre Schwerindustrie ins Ausland verlagern, doch Tinker betrachtet dies nur als reine Buchhaltung.
Seine Beschreibung ist bewusst provokativ: Wohlhabende Länder können umweltfreundlicher erscheinen, weil sie energieintensive Produktion in Länder ausgelagert haben, in denen Kohle weiterhin reichlich und günstig vorhanden ist. Die Atmosphäre kennt jedoch keine Landesgrenzen. Werden in Europa oder Amerika konsumierte Güter mithilfe von Kohle in Asien hergestellt, sind die damit verbundenen Emissionen nicht verschwunden. Sie haben sich lediglich geografisch verlagert.
Tinker stellt hierin einen direkten Zusammenhang mit dem Verhältnis von Energie und Wohlstand her. Europa und die Vereinigten Staaten verbrauchen einen unverhältnismäßig großen Anteil der globalen Energie, erwirtschaften aber auch einen unverhältnismäßig großen Anteil des globalen Wohlstands. Im Gegensatz dazu haben große Teile Asiens und Afrikas zwar große Bevölkerungen, aber einen deutlich geringeren Energieverbrauch pro Kopf.
Seine Schlussfolgerung lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: „Energie schafft Wohlstand.“ Daraus folgt, dass Energiepolitik auch Entwicklungspolitik ist. Die Einschränkung des Zugangs zu bezahlbarer und zuverlässiger Energie kann weitreichende Folgen haben, die weit über die Strompreise hinausgehen, insbesondere in ärmeren Ländern, die eine Industrialisierung anstreben.
Warum Tinker Net Zero kritisiert
Diese Überlegungen untermauern seine Kritik an den aktuellen Netto-Null-Strategien. Tinker erinnerte daran, den Netto-Null-Fahrplan der Internationalen Energieagentur für 2021 infrage gestellt zu haben, da eine der fragwürdigsten Annahmen die Annahme eines sinkenden globalen Energieverbrauchs sei. Gleichzeitig sah das Szenario einen Rückgang des Verbrauchs fossiler Brennstoffe gegen null vor, während Solar-, Wind- und Bioenergie massiv ausgebaut würden.
Tinker argumentiert, dass solche Szenarien mitunter so dargestellt werden, als wären sie Prognosen statt möglicher Handlungsoptionen. Seiner Ansicht nach ist das Problem besonders gravierend, wenn Regierungen sie als Leitfaden für ihre Politik nutzen, ohne Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklung, Energiebedarf und physikalische Beschränkungen ausreichend zu berücksichtigen.
Er kritisiert insbesondere jene Politiken, die die Wirtschaftskraft zugunsten von Emissionsreduzierungen opfern. Europa, so argumentiert er, habe rund zwei Jahrzehnte lang wirtschaftliche Stagnation erlebt, während die USA und China weitergewachsen seien. Wenn energieintensive Industrien in Europa schließen und anderswohin verlagert werden, so seine These, könne der ökologische Nutzen trügerisch aussehen, während die wirtschaftlichen Kosten real seien.
Der entscheidende Punkt ist, dass Umweltschutz zum Teil vom Wohlstand abhängt. Wohlhabendere Gesellschaften können sich saubereres Wasser, sauberere Luft, eine bessere Infrastruktur und die Wiederherstellung von Ökosystemen leisten. Ärmere Gesellschaften können das oft nicht. Folglich kann die bewusste Schwächung einer Wirtschaft im Namen des Umweltschutzes, laut Tinkers Analyse, genau jene Umweltziele untergraben, die politische Entscheidungsträger angeblich verfolgen.
Klimawandel: real, aber keine existenzielle Apokalypse
Tinkers Position zum Klimawandel selbst ist differenzierter als die Karikatur eines „Klimaleugners“. Er akzeptiert ausdrücklich, dass sich der Planet erwärmt, dass die atmosphärischen CO2-Konzentrationen erheblich gestiegen sind und dass menschliche Emissionen zu dieser Erwärmung beitragen.
Seine Einschätzung der Folgen unterscheidet ihn deutlich von vielen zeitgenössischen Klimadiskussionen. Er rief die Zuschauer, insbesondere junge Menschen, dazu auf, zwischen der Erwärmung an sich und Behauptungen über katastrophale Veränderungen extremer Wetterereignisse zu unterscheiden.
Tinker verwies die Zuhörer auf den Sechsten Sachstandsbericht des IPCC, insbesondere jener der Arbeitsgruppe I, Kapitel 12, Tabelle 12.12. Er argumentierte, dass die Tabelle kein sicheres historisches Auftreten vieler befürchteter Veränderungen extremer Wetterereignisse belege, selbst wenn man die Projektionen des damals extremsten RCP8.5-Szenarios betrachte. Daher ist er der Ansicht, dass die mediale und politische Darstellung einzelner Ereignisse einen deutlich alarmierenden Eindruck vermitteln kann, als die zugrundeliegende Sachstandsberichtsliteratur rechtfertigt.
Seine Sorge gilt insbesondere jungen Menschen. Tinker berichtete von Begegnungen mit Universitätsstudenten, die glaubten, die Menschheit könne aufgrund des Klimawandels innerhalb weniger Jahrzehnte aussterben. Er hält solche Ängste für übertrieben im Vergleich zu den vorliegenden Fakten und argumentiert, dass junge Menschen dazu ermutigt werden sollten, die zugrundeliegenden Daten zu untersuchen, anstatt eine einseitige, durchweg katastrophale Erzählung zu übernehmen.
Sein Ratschlag lautet im Wesentlichen: Verhältnismäßigkeit ist wichtig. Der Klimawandel ist ein ernstzunehmendes Problem, aber Armut, Nahrungsmittel, Wasser, Gesundheit, Bildung und der Zugang zu Energie sind es ebenso. Eine vernünftige Politik sollte all diese Aspekte berücksichtigen, anstatt die Gesellschaft anhand einer einzigen Umweltvariable zu optimieren.
Indien, Kernenergie und die nächste Energiewende
Indien liefert Tinker zufolge vielleicht das deutlichste Beispiel dafür, warum der globale Energiebedarf voraussichtlich nicht drastisch sinken wird. Mit einer größeren Bevölkerung als China, aber einer deutlich kleineren Wirtschaft, verfügt Indien über enormes wirtschaftliches Wachstumspotenzial. Tinker geht davon aus, dass dieses Wachstum einen erheblichen Anstieg des Energieverbrauchs zur Folge haben wird.
Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein steigender Energiebedarf mit proportional steigenden Emissionen einhergehen muss. Tinker ist der Ansicht, dass die langfristige Entwicklung des Energiesystems auf Methan, Wasserstoff und Kernenergie hindeutet. Er hält Kernenergie aufgrund ihrer enormen Energiedichte und ihrer Fähigkeit zur kontinuierlichen Stromerzeugung für besonders vielversprechend.
Indien, so argumentiert er, habe die Chance, einen Teil des von China eingeschlagenen, auf fossilen Brennstoffen basierenden Entwicklungspfads zu vermeiden, indem es den Ausbau von Kernenergie und Erdgas beschleunigt. Frankreichs rascher Ausbau der Kernenergie zeige seiner Ansicht nach, wie ein Land eine substanzielle Dekarbonisierung erreichen könne, ohne auf eine zuverlässige Stromversorgung zu verzichten.
Anpassung statt Panik
Das Interview endet mit einem weiteren wichtigen Element von Tinkers Philosophie: der Anpassung. Selbst wenn sich die Erde weiter erwärmt, glaubt er nicht, dass die Menschheit machtlos ist. Die Menschen haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder an veränderte Umweltbedingungen angepasst, und der technologische Fortschritt hat die Möglichkeiten wohlhabender Gesellschaften, sich vor Umweltgefahren zu schützen, erheblich erweitert.
Tinker sieht das zukünftige Energiesystem daher nicht als einfachen Wettstreit zwischen „grünen“ und „schmutzigen“ Technologien, sondern als Optimierungsproblem, das Energiesicherheit, Bezahlbarkeit, Zuverlässigkeit, Wirtschaftswachstum, Umweltschutz und technologische Entwicklung umfasst. Es werde Zielkonflikte geben, argumentiert er, und jedes Land werde einen anderen optimalen Energiemix haben.
Seine abschließende Botschaft dreht sich daher weniger um die Leugnung des Klimawandels als vielmehr um den Widerstand gegen simple Lösungsansätze. „Wir passen uns an“, sagte er den Moderatoren.
Für Tinker ist die zentrale Frage nicht, ob Gesellschaften die Umweltbelastung reduzieren sollten. Vielmehr geht es darum, wie sie dies tun können, ohne auf die reichlich vorhandene und zuverlässige Energie zu verzichten, die den modernen Wohlstand erst ermöglicht. Seiner Ansicht nach liegt die endgültige Antwort wahrscheinlich nicht in der Abschaffung von Energieträgern zugunsten intermittierender Quellen, sondern im technologischen Fortschritt hin zu noch dichteren, saubereren und zuverlässigeren Energieformen – allen voran Erdgas, Kernspaltung und, falls die Technologie beherrscht werden kann, Kernfusion.
Das Ergebnis ist eine dezidiert pragmatische Vision der Energiezukunft: den Zugang zu Energie ausweiten, ärmere Länder wirtschaftlich stärken, die physikalischen Grenzen der Energiedichte anerkennen und sauberere Technologien verfolgen, sobald diese wirtschaftlich und technisch überlegen sind. Für Tinker ist dies die Vision einer echten Energiewende.
Übersetzung: Eric Vieira
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